Wie viele Leben in ein einziges passen

Ich glaube ja an die Macht der Anziehung. Manche sprechen da von Wünschen ans Universum, andere von "the secret" - ich denke da etwas pragmatisch an die eigene Aufmerksamkeit und Entscheidungen. Mein Lebenslauf ist für viele Menschen etwas "irre", mein Tages- oder Wochenpensum auch. Dabei fühl ich mich selten so richtig geschlaucht. Der Grund ist womöglich der, dass ich meist weiß, warum ich mich wofür entscheide...


Rahmenbedingungen sind das A und O

Ich bin nicht so naiv zu glauben, mensch könnte alles tun und lassen, wenn er/sie nur genug will. Das ist bullshit und meiner Meinung nach nichts weiter als neoliberale Rhetorik. Im Netz kursiert das schöne Bildchen dazu, auf dem alle Tiere dieselbe Aufgabe gestellt bekommen - nämlich auf einen Baum klettern - ganz egal ob Affe, Fisch, Vogel oder Giraffe.

 

Die Rahmenbedingungen von Menschen sind unterschiedlich. Die Rahmenbedingungen von Frauen und Männern sind es ebenso. Wer das nicht glaub, darf sich gerne mal mit dem Thema Pensionsansprüche, Teilzeit, Elternkarenz und Altersarmut auseinandersetzen. Dazu die blanke Realität von Arbeitsmarktanforderungen und gesellschaftlichen Erwartungen an Elternschaft - oder seien wir hier mal ehrlich: an Mutterschaft. Auch das ist mein täglich Brot in der Arbeit.

50/50 macht vieles möglich, auch diesen Blog

Stefanie Lohaus hat es in ihrem aktuellen Artikel in der FAZ über die Bevölkerungsentwicklung angesprochen. In einer Gruppe zu "feminist mothering", die ich kürzlich mal besucht hab, kam ebenfalls "das Problem" auf: Mit der Geburt des ersten Kindes verändert sich vieles zur traditionellen Rollenverteilung. Es ist ja nicht so, dass ich diese Grabenkämpfe nicht auch führe. Mittlerweile auf dem Rücken des "Putzgrades". Ich bin mir sicher, auf dem Sterbebett werde ich nicht bereuen, dass ich den Staubsauger nicht öfter bedient habe. Und ich denke, ich bin da in guter Gesellschaft.


Aber nicht nur mein lockerer Umgang mit den mir zugeschriebenen Pflichten der Haushaltsführung räumen mir mehr Zeit für alles Mögliche ein, sondern auch die konsequente Aufteilung in der Kinderbetreuung. Ja natürlich schreibe ich viel nachts - ich bin auch eine Nachteule. Dafür schlafe ich aber auch länger und frühstücke in der Arbeit. Mein Partner weckt den Zwerg, zieht ihn an, wäscht ihn, frühstückt mit ihm, bringt ihn in die Krippe. Ich hole ihn ab. Wenn mein Partner dann ein paar Stunden später von seiner Ausbildung kommt, kommt es darauf an, was ausgemacht ist, wer heute "zuständig" ist. Spielen, Abendessen und Schlafengehen übernimmt dann 1 Person. Die andere hat frei und tut was immer sie will. So läuft das unter der Woche. Auf faire Aufteilung wird geachtet. J. genießt die exklusive Zeit.

Wir versuchen - Betonung liegt auf versuchen - auch immer wieder mal jemand kostenlos dazu zu bewegen, an einem Abend das Babysitten zu übernehmen. Dann machen wir zwei was. Am Wochenende sind wir alle zusammen und vergnügen uns gemeinsam. 


Als ich in Karenz war, hat das ebenfalls gut geklappt. Die Hausarbeit habe ich nicht automatisch vollständig mit-übernommen. Als er in Karenz war dito. Vor dem Kind sowieso keine Frage. Nur ein halbes Jahr quälten wir uns, oder vor allem ich mich. Anderer Job, pendeln, Partner in Ausbildung - länger am Tag als gedacht. Die "plötzlich alleinerziehend mit Partner"-Keule schlug gnadenlos zu. Eine Aufteilung von wegen "wer bringt den Kleinen in die Krippe?" war nicht möglich. Dann wären wir bei mehr als +40 Betreuungsstunden für effektiv 26 Wochenstunden Arbeit gewesen, und ich hätte unser Kind gar nicht mehr morgens zu Gesicht bekommen. Abends war ich ohnehin um 17 Uhr tot. Und wenig später ist J. damals auch noch eingepennt. Akku leer, bei beiden. Diese Hetzerei...Horror. 


Mein persönlicher Tiefpunkt war...

an dem Abend, als J. seine ersten Schritte zwischen uns machte und ich dachte: "Hoffentlich wird er dann eh bald müde, ich muss noch was für die Arbeit machen." Das war ein Sonntag. Dafür hab ich mich gehasst. Oder vielleicht mehr noch die Situation. Die Rahmenbedingungen. Gebloggt hab ich sowieso nicht viel zu dieser Zeit. Ich war einfach zu ausgelaugt und müde.

Kleines Update:

Im ersten Halbjahr 2016 passierte hier nicht viel. Das war weniger tradionellen Rollenverteilungen zuzuordnen, als den seeeehr ausgedehnten Wachzeiten unseres Kindes. Soll heißen: Wann J. endlich müde war, war ich es auch. Oder Pärchenzeit wäre mal schön gewesen. Und überhaupt. Manchmal sind andere Dinge wie Beziehungsarbeit eben grade wichtiger. Vor allem, wenn sich die Leidenschaft für ein Thema, eh in einen Job für tagsüber verwandelt.

Aber Rahmenbedingungen kann mensch ändern

Nicht alle, aber teils. Darum flüchten auch viele Menschen. Nur mal so by the way. Flucht war bei mir nicht unbedingt notwendig. Dafür aber viele Entscheidungen. Die Frage war:

Welche Art von Familie wollen wir sein?

 

Viele Jahre hatte ich einen tollen Job, indem ich kreativ sein konnte und durch die Anfahrt mit dem Zug lange Zeit zum Seele baumeln lassen, lesen usw. hatte. Dann kam J. zur Welt und die Pendelei wurde stressig. Dann entschied ich mich für einen Job ohne Pendeln mit klaren Vorgaben und war wieder freier im Kopf. Mein Geist durfte nun in der Freizeit schöpferisch sein und für den Blog war auch mehr Platz.  Mein Körper genoss die Bewegung auf dem Fahrrad jeden Tag zur Arbeit. Meine Energie bezog ich weniger aus den Tätigkeiten, als von meinen tollen Kolleginnen. Ich war nicht mehr müde um 17 Uhr. Ich konnte die Zeit mit J. doppelt genießen. 

 

Damit das möglich wurde, musste ich allerdings erst einen viel viel größeren Schritt tun, als die Stelle zu wechseln: Stunden drastisch reduzieren. Mir eingestehen, was mir Energie raubt. Darauf vertrauen, wofür mein Herz schlägt. Pause machen für 2 Monate. Durchatmen. Wobei mein Durchatmen für andere wenig entspannend ist... ;-)

 

Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einlasse, ob die Rechnung aufgeht und war oft genug im Zweifel, ob ich mir wirklich vertrauen soll - so wie sonst auch. An der Liste meiner Referenzen, die ich gesammelt habe, an der ewig langen to do Liste, die ich noch vor mir hatte, an den zahlreichen neuen Kontakten, die ich gewonnen habe, und vor allem an den Menschen, die ich mit meinen Themen berühren konnte, kann ich deutlich ablesen, dass die Rechnung für mich aufgegangen ist (und es noch weiter tun wird). 

 

Ohne Stundenreduktion hätte ich kein ebook geschafft. Ohne Vertrauen in mich, hätte ich keinen Urlaub in London gebucht (den ich übrigens nach 2 Wochen in der neuen Stelle eingelöst hab). Ohne Vertrauen in mich, hätte ich nicht einfach alles auf 5 Bewerbungen gesetzt, wovon 1 Stelle tatsächlich ausgeschrieben war (inkl. massenhafter Konkurenz). Ohne Vertrauen in mich, würde ich auch keine Workshops und Vorträge zu Themen anbieten, die für mich (2015) selbst noch ganz frisch waren. Ziemlich vieles war 2015 eine Premiere. Und das hat verdammt noch mal Spaß gemacht. 

 

Und was sich daraus ergeben hat, war ein weiterer Jobwechsel, der mir ermöglicht, in der selben Gehaltsklasse zu bleiben und weniger Stunden zu arbeiten. Mittlerweile beschäftige ich mich beruflich praktisch nur mehr mit dem Thema Sexualität, und wie es an die Menschen gebracht werden kann und hab ein grandioses Team um mich, mit dem sich Arbeit ganz selten wie Arbeit anfühlt. Meine Herausforderung ist nun eher, aus eigenem Antrieb mein Stundenausmaß nicht zu überschreiten. Und so übe ich mich auch daran, meine Abende eher der Familie zu widmen, als dem Blog oder mir. :)

 

 

(Was übrigens auch sehr hilfreich dabei ist: Der Verzicht auf ein Televisionsgerät. ;-)

Weil...ich leb' mindestens 5 Leben...

Damit nicht genug, verrate ich euch noch was. Ich liebe Neues. Und mein Leben. "Worauf warten?" ist ebenfalls ein Credo von mir. "Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast ", hat die US-amerikansiche Autorin Barbara Sher ein Buch genannt (das ich bis heute nicht fertig gelesen hab, weil ich mit Umsetzen beschäftigt bin.) Aber wegen ihr und ihrem Erstlings-Ratgeber Wishcraft. Lebensträume und Berufsziele entdecken und verwirklichen  bin ich 2007 nach Osnabrück geflogen und hatte ein sehr inspirierendes Wochenende, auf dem ich entschied eine Weltreise zu machen - damals in 2 Jahren. Bei einer Übung ging es darum, welche Leben wir leben würden, hätten wir viele. Unter meinen waren unter anderem:

  • Mutter
  • Weltenbummlerin
  • Sängerin
  • Schriftstellerin
  • Forscherin (? ich weiß nicht mehr so genau)

Was im Raum stand war: Kann ich nicht alles sein? Vielleicht hintereinander? Da der Wunsch nach der Weltreise am dringendsten schien, ging ich den zuerst an. Installierte einen Dauerauftrag und sparte wie bekloppt. Mein damaliger Partner wollte nicht mit. Egal. Im Oktober 2009 machte ich mich auf den Weg und es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Das Leben als Backpackerin war ein anderes und ich liebte es innig. Als ich zurückkam war ich kulturell schockiert. Ich brauchte lange, um mich wieder "einzufügen" - oder auch nicht.


Ich beschloss ein Buch zu schreiben und schrieb und schrieb und schrieb bis 2013 ziemlich viel. Fertig ist es noch nicht, es brütet noch und wird dann noch radikal verändert. Vermute ich.  Ich lernte eine tolle Schriftstellerin aus Graz kennen, veröffentlichte mal einen Text in einer Literaturzeitschrift, mal in einer Anthologie und begann auch mal vor mich hinzubloggen - so ein bisschen. Leben als Weltenbummlerin: check. Leben als Schriftstellerin: check.


Parallel begann ich ab 2010 wieder ein Studium, das ich so sehr liebte, dass ich nahezu lauter Einsen schrieb und mein ganzes Herzblut in die Masterarbeit reinsteckte. Anders als beim ersten Studium. Ich durfte als "no name" Forscherin, die sich um keinerlei Special-Stipendien geschert hatte sogar auf einer großen Tagung referieren und who knows, vielleicht gibt es in ein paar Jahren auch eine Ausstellung zu meinem Forschungsthema. Denn ein weiteres Leben, das neben dem der Forscherin für mich dazugekommen ist, ist: Museumsleiterin

2013 beschloss ich schwanger zu werden - 2014 wurde mein Sohn geboren. Gerade eben, hab ich endlich einen Chor gefunden, bei dem ich mitsingen möchte, um meine alten Leidenschaften wieder zu erwärmen. Leben als Mutter: check. Leben als Sängerin: in Arbeit.

Außerdem möchte ich in diesem Leben auch noch Schwedisch, Niederländisch, Portugiesisch, und Rumänisch lernen, mein Spanisch und Italienisch aufpolieren, Kulturanthropologie studieren und noch viel zu Sexualität und Trauma dazulernen. Reisen sowieso. Ich liebe es, mich auf neue Herausforderungen einzulassen und Dinge auszuprobieren. Wann sie fertig sind, bestimme ich selber. Aber ich habe zahllose Enden, an denen ich immer wieder anknüpfen kann. Das finde ich wunderbar. 


Gerade arbeite ich beruflich wieder mal mit kunterbunten Lebensläufen und genau die, die glauben ihre Biografien sind hoffnungslos, die reizen mich am meisten. Sooooo viele Möglichkeiten. Da kann eine so richtig aus dem Vollen schöpfen.

Die kleinen und großen Visionen gehen in Erfüllung

Akuter Jobwechsel...

Wenn ich etwas wirklich möchte, arbeite ich weniger zielgerichtet daran, dass sich was tut, sondern ich bin davon überzeugt. Als ich mich einmal in einer Situation befand mit brandneuem Job, der sich für mich schon nach kurzer Zeit aus verschiedenen Gründen als nicht erträglich darstellte, beschloss ich - obwohl nur mehr ein Jahr bis zur geplanten Weltreise bevorstand, mir was anderes zu suchen. Ich schlug die Zeitung auf und ein Inserat sprang mir entgegen, dass eine Stelle befristet für genau dieses Zeitraum anpries. Ich wusste einfach, dass ich den Job kriegen würde, weil es so sein musste. Und so war es. 

 

Balkon plus Erdgeschoss und Villa... 

Vor ein paar Jahren stand ein Umzug an. Ich wollte immer mal an einem Ort im Grünen wohnen, an dem ich durch eine Allee mit Hohlweg hindurch nach Hause gehen konnte. Außerdem suchten wir nach der exotischen Kombi Balkon aber trotzdem Erdgeschoss. Wunsch erfüllte sich umgehend. Seit wir dort eingezogen sind beäugen wir die Altbauvilla neben uns. Wir werden in ein paar Jahren dort einziehen sagen wir. Das Haus sieht so aus, wie jenes, dass ich als Kind geplant habe... inkl. Garten und Veranda. Bedingung für unsere Wunsch war aber eine Sanierung/Renovierung. Nach einem Jahr begannen die Arbeiten am Nachbarhaus und dauern noch an. Fassade und Dach sind bereits fertig. Wir lassen uns überraschen.


Leben Nr. 7: Fotografin  (check)

Fotografin war auch so ein Leben das sich noch auftat kurz nach der Weltreise. Ich hatte keine Kamera und keine Ahnung. Borgte mir halt eine aus und fotografierte ein Jahr lang wie blöde, ohne auch nur ein einziges technisches Detail zu lernen. Am Ende des Jahres bewarb ich mich bei einer Fotoakademie - einfach weil ich's wissen wollte und wurde angenommen. Die Ausbildung hab ich aber nicht gemacht. Mir reichte die Bestätigung. Außerdem machte ich bei einer kleinen Ausstellung mit und verkaufte sogar 2 Bilder. 


One time I wanna be famous... 

Gemeinsam mit meinen Lieblingsmenschen hatte ich vor ein paar Jahren die famose Idee ein KünstlerInnenkollektiv zu gründen, als wieder mal ein Filmfestival in der Stadt war. Wir teilten und die Künste ein bisschen auf und sprachen von unserer Berühmtheit, die sich dann schon mal einstellen würde. Damals hatten wir noch "nichts" vorzuweisen. Aber die Redaktionssitzungen und die Arbeit an den Beiträgen für unser "Trärchenkollektiv" machte uns so viel Spaß (wir bedruckten uns sogar Taschen mit unserem Logo), dass sich etwas bewegte. Bei allen von uns. Mittlerweile liegt das Trärchen seit geraumer Zeit ein bisschen brach. Aber ganz einfach, weil sich so viele andere Dinge daraus ergeben haben. Ideen gäbe es noch immer viele.

 

Ich könnte ewig weiterplaudern. Und im übrigen: Barbara Sher sagt, dass was Menschen mit vielen Begabungen brauchen ist ein einziges Tool: Einen Kalender.

 

Stimmt. :) 

© Julia Geiser
© Julia Geiser

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