Vom Fasten und Legenden der Leidenschaft

 

Das ist jetzt wieder mal ein persönlicher Text. Seit 35 Tagen - wenn ich mich nicht verzählt habe - faste ich "Selbstaufgabe". Außerdem habe ich durchaus (trauma)pädagogisch gesehen tatsächlich wertvollen Content in meinem Herzensklassiker "Legenden der Leidenschaft" (mit Brad Pitt in jungen Jahren!) gefunden und war in den letzten Wochen herzhaft faul. Nein, nicht faul. Ich habe "Selbstaufgabe" gefastet...

Ich faste ja eigentlich nie. Wenn ich mir Vorsätze nehme, dann in vorm von Herzenslisten. Aber so Negativ-das will ich nimmer Dings-Vorsätze liegen mir nicht. Außerdem ess ich eh schon wenig Fleisch, trinke selten Alkohol, mein Kaffee ist meist aus Malz, was soll ich da noch groß fasten? Ich rauche nicht, hab keinen Fernseher, nutze facebook nicht am Handy. Aber da entdeck ich vor einigen Wochen essential unfairness' Blogbeitrag über geistiges Fasten und ihr vorhaben "Selbstaufgabe" zu fasten und denke mir: Das ist was für mich.

Hä? Selbstaufgabe fasten?

Das ist etwa die Reaktion, die ich sehr oft in letzter Zeit bekommen hab. Es ist nämlich so. Es gibt ja Leute, die belohnen sich gerne und viel. Die schauen auf sich so sehr, dass es schon fast an Maßlosigkeit grenzt. Ich gehör' da nicht dazu. Nicht, dass ich es mir nicht wert wäre, aber ich mach meistens tausend Dinge. Das noch und das noch und das noch und ja, jetzt ist es auch schon 23.12 Uhr. Nur mal so nebenbei. Ich bin also ganz gut darin, auf mich selbst ein bisschen zu vergessen, weil ich xy eben auch noch machen "muss". 


Dieses Jahr in der Fastenzeit hab ich mir gesagt: Ne, muss ich nicht. Und stattdessen hab ich:

  • mich früh ins Bett gelegt und geschlafen
  • mir nach meinem ersten Arbeitstag in der neuen Firma einen Radler gegönnt und begonnen endlich Fifty Shades of Grey zu lesen (während der Mann das Kind gebändigt hat)
  • mich mit meinem Sohn nach der Kinderkrippe ins Café gesetzt anstatt durch den Regen zu hetzen und erstmal genüsslich Bagel und Smoothie verdrückt
  • abends ausgiebig gekuschelt
  • Blogbeiträge erst im letzten Moment geschrieben
  • nur alle zwei Tage meine Mails gecheckt
  • digitale Arbeiten für den Blog aufgeschoben
  • Hausarbeit delegiert oder nicht gemacht
  • das Filmfestival in meiner Stadt besucht
  • mich für Zumba angemeldet
  • viele Nachmittage am Spielplatz verbracht
  • das Pendeln aufgegeben und einen neuen Job angenommen
  • mich nachmittags bei einem spontanen Zeitfenster mir Mann und Kind zum Essen getroffen
  • eine 12-Wochen-Rohkost-Challenge, die ich begeistert mitgemacht hab nach Krankheit versanden lassen, weil der organisatorische Aufwand mir aktuell zu viel ist
  • eine super -Sexualpädagogik-Weiterbildung gemacht
  • noch immer nix für Ostern dekoriert
  • meinem Schatz "Legenden der Leidenschaft" aufs Aug gedrückt
  • nix - wirklich nix geplant, obwohl wir ne Woche in London verbringen werden
  • uvm

Und ich muss sagen: Das ist gar nicht so leicht für mich. Oft musste ich mich abends noch fragen: So liebe Katja und was tust du heute für dich?  Bzw: Was lässt du heute einfach mal sein? Aufschieberitis ist nämlich gar nicht so mein Ding. Viel eher sieht mich das Bett erst um 4 Uhr morgens, weil ich den Tag unnötig in die Länge ziehe. 

Mein Selbstaufgabe-Fasten heute ist das Schreiben dieses Artikels. Denn eigentlich wollte ich zwei andere zum Thema Trauma noch schnell tippen aber in den letzten Tagen hab ich einfach meinem Schlafbedürfnis nachgegeben. Und so muss das eben bis Ostern warten. Der Text hier - naja, für den brauch ich nicht so viel Hirnschmalz, der fließt so einfach aus mir raus. ;-) Das Selbstaufgabe Fasten kann ich jedoch uneingeschränkt weiterempfehlen - für alle Eltern, die gerne mal auf sich selbst vergessen. 

Pädagogisch wertvolle Leidenschaften

Irgendwann in meiner Pubertät lief "Legenden der Leidenschaft" (Legends of the Fall) im Fernsehen. Und weil im Zuge des Selbstaufgabe-Fastens die Frage anstand, was wir denn nun gemeinsam abends gucken, zauberte ich irgendwann den genannten Filmtitel aus dem Hut. Mein Fifty Shades der Jugend. Omg, ich darf gar nicht zu viel drüber nachdenken...rrrrrr. Jedenfalls konnte ich dem Filmchen neben dem optischen Reiz durchaus noch was pädagogisch wertvolles Abringen, das sogar zum Monatsthema passt.

Die Handlung für Nicht-InsiderInnen - sonst überspringen

Die Handlung ist ein bisschen verworren, aber im Endeffekt geht es um die Liebschaften einer jungen Frau (Susannah) zur Zeit des ersten Weltkrieges die ihre Vorstellung vom romantischen Glück nicht und nicht mit den 3 Brüdern, die irgendwo auf irgendeiner Farm als Söhne eines Colonels und einer abwesenden Mutter aufgewachsen sind. Mit dabei ein Quoten-Indiander, der natürlich mal ein bedeutender Häuptling war.  Susannah soll den jüngsten Sohn der Familie (Samuel) heiraten, doch der will unbedingt in den Krieg, in dem er schließlich fällt. Anschließend beginnt eine Affäre zwischen ihr und dem "wilden" Tristan (Brad Pitt), aber der sucht - weil er einfach so ist und auch wegen seines Traumas (er hat den jüngeren Bruder sterben sehen und wollte ihn unbedingt beschützen) - irgendwann das Weite und lässt sie zurück. Irgendwann ist es ihr zu lange und sie nimmt die verzweifelten Werbungsversuche des ältesten Bruders Alfred wahr, den sie dann auch heiratet. Irgendwann kommt Tristan wieder und gründet schließlich eine Familie mit der viel jüngeren Isabel Zwei, die ebenfalls auf der Ranch aufgewachsen ist. Durch einen tragischen Unfall wird sie getötet, als die Kinder noch ganz klein sind. Tristan übt Rache an den Schuldigen, während dessen nimmt sich Susannah vor Kummer das Leben. Soweit in etwa die Story. Und obwohl schmalzig, wurde der Film immerhin in mehreren Kategorien für den Oscar und den Golden Globe nominiert.

Damals  - als ich weniger als halb so alt war wie jetzt - tapezierte ich mein Zimmer mit Postern des langhaarigen Brad Pitt. Mit und ohne Bart. Mein Männergeschmack hat sich seit jeher nicht mehr geändert. Der Mann an meiner Seite freute sich ob meines Schmachtens beim Filmschauen um so mehr, da ihm Ähnlichkeiten aufgefallen sind.... :-) Das ist jetzt aber nicht das pädagogisch Wertvolle. 

Männer haben hier Gefühle und Traumata

Zwischen all den Rambos und coolen Cruisern fehlt es mir im Mainstream-Kino oft an echten Menschen. "Legenden der Leidenschaft" zeigt Männer, die unsicher sind, weil sie noch nie Sex hatten, zeigt Männer, die weinen, weil sie trauern, weil sie sich Vorwürfe machen, zeigt verzweifelte, enttäuschte Männer, zeigt Männer, die naiv sind und Männer die schwer traumatisiert sind. 

Brad Pitt in der Rolle als Tristan macht ziemlich deutlich, wie sehr ihn der Tod seines jüngeren Bruders mitnimmt, wie ihn Flashbacks auch Jahre später immer wieder heimsuchen und ähnliche Situationen ihn retraumatisieren. Einmal ist es die Kuh im Maschendrahtzaun. Ein anderes Mal ist es das Ausnehmen eines Zebras. 

Trotzdem würde kein Mensch im Publikum auf die Idee kommen, Tristan einen Waschlappen zu nennen. Weil er der Begehrenswerte ist, mit dem mensch automatisch sympathisiert, macht es ein Einfühlen in seinen Schmerz leichter. Manchmal wirkt er nach den Flashbacks zwar total durchgedreht aber die Identifikationsmöglichkeit ist immer gegeben. Außerdem ist schön zu sehen, dass es auch ein Leben nach der traumatischen Erfahrung geben kann. Tristan wirkt spätestens bei der Familiengründung mit Isabel Zwei heil und wird auch von Beginn an mit seinem neu geborenen Säugling gezeigt - und das in den 20er Jahren!

Das Ideal der romantischen monogamen Beziehung?

...kann mensch getrost hinterfragen, wenn der Leidensweg von Susannah bis zu ihrem Selbstmord betrachtet wird. Das überhöhte Frauenbild Anfang des 20. Jahrhunderts wird schon mal in Samuals Briefen von der Front deutlich: Susannah als das Reine und Schöne. Nichts desto trotz will sie eigentlich nicht auf den Sex bis nach der Eheschließung warten. Die Doppelmoral der von der Ehe ehrbar gemachten Frau und dem Mann, der durchaus Erfahrungen sammeln darf, wird im Zwist zwischen den Brüdern deutlich. 

Auch kann mensch sich getrost die Frage stellen, wozu die gute Susannah da ewig auf den Richtigen oder Einen wartet, und ob es überhaupt Sinn macht, sich so sehr auf dieses Ideal einzulassen. Der Colonel und seine Frau leben schließlich auch schon seit Jahren in weit entfernten Orten, was ihrer Ehe trotzdem keinen Abbruch tut. Ich finde grade diesen Bruch von Idealen und gelebten Realitäten absolut geeignet als Impuls für eine Diskussion über die romantische lebenslange Zweierbeziehung mit Kind.

Gerade heute sind mir drei Links dazu ins Netz geflattert:

Die Realität schaut eben oft anders aus, als im Film. Genau deshalb hat mir "Legenden der Leidenschaft" vielleicht unterschwellig auch immer gut gefallen - weil es ein vielschichtiges Drama ist, das viel Diskussionsstoff bietet. Und gleichzeitig zeigt es auch so schön, dass die Selbstaufgabe von Susannah echt wirklich für A und F ist. Am Ende geht sie selbst drauf und niemand wird es zu "schätzen" wissen. Anstatt selbst für ihr eigenes Wohlbefinden Verantwortung zu übernehmen, hängt sie ewig einem Mann nach, den sie nicht kriegen kann. Auch Alfred, der Susannah heiratet, gibt sich als Trostpreis zu frieden. Zwei Menschen, die sich selbst aufgegeben haben sind das. Wollen wir so sein? Ich nicht. Die Fastenzeit ist erst der Anfang. Was danach folgt ist Urlaub :)

PS: Und was ist jetzt mit dem Titelbild? Ja London halt. Abwarten und Tee trinken. Und Scones essen und Nägel lackieren. Fight Selbstaufgabe. Fasten rulez. ;)

Ich wünsch euch spannende Vorhaben und Challenges, wann immer ihr sie vorhabt!



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