Jungs als Opfer von sexueller Gewalt

Denken wir an Gewalt, haben wir automatisch Bilder von Männern als Täter und Frauen als Opfer in unseren Köpfen. "Jungs sind wilder" sagen viele Eltern. "Männer sind generell aggressiver" sagen viele Menschen. Ob das prinzipiell so ist, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall sind Männer weit aus öfter Opfer von Gewalt als wir im ersten Moment denken. Die Bandbreite reicht von militärischen Auseinandersetzungen bis hin zur Kneipenrauferei. Doch diese Art von Gewalt ist männlichkeitsverbürgend. Schrammen dürfen stolz getragen werden. Veteranen sind angesehen. Opfer von sexueller oder sexualisierter Gewalt nicht. Schon gar nicht wenn sie männlich sind...


Jungs als Opfer von sexueller Gewalt

Jungs und Mädchen werden Opfer von sexuellen Übergriffen. Von Mädchen hören wir öfter mal in spektakulären Einzelschicksalen in Zeitungen, von Burschen hören wir vor allem bei Sammelklagen gegen Kinderheime und die Kirche. Beratungsstellen und Bücher zum Thema gibt es vor allem für Mädchen und Frauen, Beratungsstellen für von Gewalt betroffene Jungs und Männer sind einsame Inseln, die Literatur ist ebenso spärlich gesät. Von jedem 7. Jungen habe ich bereits in "Wie können wir unsere Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen" geschrieben.

Sexuelle Übergriffe an Jungen werden selten aufgedeckt.


WARUM?


Weil wir nicht an männliche Opfer glauben. 

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Jungs weinen nicht

Männer, die Gefühle zeigen sind doch Waschlappen, Weicheier, Softies - keine richtigen Männer. Männer müssen hart und stark sein. Außer einem "Männerschnupfen" ist da nicht viel drin. Jungs sind wilder, die spielen doch viel lieber mit Monster-Trucks, Piraten, Rittern, Polizisten und auf ihren Babybodies prangen ebenfalls schon Löwen, Tiger und Hunde, statt Katzen, Häschen und Herzchen. Ab Kleidergröße 74 wird die Jungs-Auswahl zunehmend dunkelblau, braun und schwarz. Männerfarben. Richtige Jungs sind keine Memmen, und richtige Jungs spielen Fußball.


Oder?


Auf keinen Fall sind sie einfühlsam, spielen mit Puppen, sie trösten nicht, sie toben. Sie schlagen öfter über die Stränge und können viel schwerer still sitzen. Weil Jungen sind ja viel aktiver.


Hm. Was immer wieder davon als wahr oder falsch empfinden: Es sind unsere Vorstellungen, unsere Aussagen und unsere Vorbildwirkung, das die Erfahrungswelt von Jungs prägt - genauso wie bei Mädchen. Wenn wir unsere Partner, Brüder, Väter, Onkel und Cousins noch nie haben weinen sehen - schon gar nicht ab der Pubertät, dann liegt das nicht an der Genetik oder der Evolution, sondern daran, dass sie die Gesellschaft zu Weicheiern, Waschlappen, Softies oder.... "Schwuchteln" abstempelt. Gleichzeitig feiern wir mit Fifty Shades of Grey wieder einmal das Drama des beziehungsunfähigen Mannes und brauchen uns nicht wundern über die Verbreitung von Drogen- und Alkoholmissbrauch, ungleich höhere Suizidraten und von der Geschlechterverteilung in der Kriminalstatistik brauchen wir nicht wirklich reden. So gehen also Männer mit Problemen um. Aha. Vielleicht sollten wir ihnen mal erlauben, an ihrer emotionalen Entwicklung zu arbeiten. Und zwar von klein an. Wie wichtig das für die Prävention von sexuellen Übergriffen ist, habe ich bereits beschrieben. Eine erhöhte Lebenserwartung wird es ihnen ebenfalls danken.


Sogar die deutsche Bildzeitung titelte kürzlich mit "7 mentale "Trojaner", die uns für immer ausbremsen." "Jungs weinen nicht" war an erster Stelle.


Wenn Jungs nicht weinen, sind sie auch nicht schwach, stehen sie auch über den Dingen - ergo können sie keine Opfer sein. Diese Logik wird verinnerlicht und verhindert unter anderem eine gesunde Aufarbeitung von z.B. traumatischen Erlebnissen.

Wenn wir unsere Brüder, Väter, Cousins, Onkel, etc.

nie haben weinen sehen,  

liegt das daran,

dass wir sie dann zu Waschlappen und Softies abstempeln.

Als Opfer bin ich kein Mann mehr

Für das Aufwachsen als Mann ist es wohl das Schlimmste, seine Männlichkeit abgesprochen zu bekommen. Das beginnt bereits beim Belächeln von Männern, die im Haushalt anpacken und bei "mädchen-typischen" Interessen. Das Urteil lautet oft: "Der kann ja nur schwul sein." Was sagt uns das? Er wird als Mann abgewertet, weil homosexuelle Männer in unserer Gesellschaft noch immer abgewertet werden und weil alles was typisch Frau ist, ebenfalls weniger wert ist in unserer Gesellschaft. Da die Opfer-Rolle klassisch den Frauen zugeschrieben wird und wir auch in den Medien kaum Gegenbeispiele dafür finden, können Männer ja keine Opfer sein. Opfer sein heißt - nachweislich beschädigt, tief verletzt. Keine mit Stolz getragene Narbe, sondern tiefe Wunden, die die Psyche durcheinanderwirbeln. 

 

Mag.a Elli Scambor forscht in Graz für den Verein für Männer- und Geschlechterthemen in einem länderübergreifenden Projekt zur Aufdeckung und Prävention von sexualisierter Gewalt gegen männliche Kinder und Jugendliche. In einem Interview berichtet sie mir ebenfalls von der doppelten Mauer des Schweigens im Falle einer persönlichen Betroffenheit.

  1. Wer betroffen ist läuft Gefahr, dass ihm seine Männlichkeit abgesprochen und dass er gleichermaßen als homosexuell angesehen wird. 
  2. Wer betroffen ist muss auch damit rechnen, als potentieller Täter angesehen zu werden. 

Ein Satz, den leider auch viele Frauen zu hören bekommen ist: "Du hättest dich ja wehren können." Jungs, die von klein auf diese Männlichkeitszuschreibung erfahren und erleben, fühlen sich dann auch doppelt schuldig. Wieso hab ich mich nicht gewehrt? Vielleicht wollten ich das ja? Vielleicht war das ja alles eh nicht so schlimm? - Genau derselbe gedankliche Kreisel rund um Schuldgefühle, wie bereits an anderer Stelle beschrieben, trifft auch hier zu

 

Und genauso trifft zu, dass ein Samenerguss möglich ist, auch ohne persönliches Wollen. Genauso trifft zu, dass Jungs ebenso wenig wissen können, was denn hier mit ihnen passiert - und dass ihr Körper einfach auf Schockstarre stellt, um das Erlebte irgendwie zu überleben.


Die buzzfeed-Zusammenfassung "25 Male of sexual assault quoting the people who attacked them" macht diese Schuldumkehr noch einmal deutlich. Im Artikel sind 25 Männer abgebildet, die sich für project-unbreakable.org fotografieren haben lassen. - Achtung: Trigger-Warnung!

Jeder 7. Junge ist betroffen.

Außerdem: Frauen als Täterinnen?

 

Auch wenn die Fälle, in denen Kirchenväter wegen sexuellem Übergriffen an Kindern angezeigt werden und die Bilder die wir im Kopf von Pädophilen haben bzw. die Anzahl der verurteilten Sexualstraftäter vorwiegen männlich ist, heißt das nicht, dass Frauen nicht ebenfalls übergriffig sind. Aber es liegt an uns, dies wahrzunehmen. 

 

Missbrauch, sexualisierte Gewalt - das ist nicht immer Vergewaltigung. Sexuelle Handlungen sind wesentlich vielfältiger, weshalb eine gute und möglichst frühe Aufklärung auch wichtig ist.

Für sexualisierte Gewalt braucht mensch keinen Penis

Pädophile Frauen sind kein Einzelfall, genauso wenig wie Frauen, die auch ohne pädophile Neigungen, Altersgrenzen gerne mal übertreten. Weil Kinder und Jugendliche aber lernen, das Sexualität in einer bestimmten Art und Weise abläuft, wird ein Übergriff auch mal als "Verführung" im Kopf abgelegt. Besonders dann, wenn körperliche Erregung im Spiel ist. Trotzdem handelt es sich um den Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses und trotzdem kann und darf das unangenehm sein.

 

Auch das Strafrecht lässt hier Milde walten. Claudia Mühl, Witwe des verstorbenen Kommunenführers Otto Mühl hatte gemeinsam mit ihrem Mann geschlechtlich getrennt die pubertierenden 14-jährigen Jungs der Kommune in die Sexualiät "eingeführt". Er die Mädchen. Sie bekam 1 Jahr unbedingte Haft. Er sieben Jahre. In seinem Fall gab es auch noch weitere Anschuldigungen mit noch jüngeren Mädchen, dennoch lässt der Unterschied aufhorchen. Wie verstörend diese Erlebnisse waren, berichten die heute erwachsenen jungen Männer in dem Film "Meine (k)eine Familie."

 

Weil Frauen in unserem gesellschaftlichen Bild keine Täterinnen sind, kann es für die Opfer noch schwieriger sein, das traumatische Erlebnis als solches überhaupt zu erkennen und zu bearbeiten.

 

Ein gutes Beispiel für die Doppelmoral dieses Täterin-Opfer - Verhältnis zeigt die amazon-Serie "Transparent" auf, in der der minderjährige Sohn mit der älteren Babysitterin ein Verhältnis beginnt.

Was passiert? Die Folgen.

Während es für Mädchen doch einige Beratungsstellen gibt und zumindest ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass sexuelle Übergriffe passieren, kommen PädagogInnen, Fachkräfte und Eltern bei Jungs viel seltener auf die Idee, dass die sich verschlechternden Schulnoten, Schulabbrüche, der Rückzug, oder die pubertäre Revolte etwas anderes sein könnte als das Offensichtliche.

 

Es kann sein, dass Jungs besonders laut in der Pubertät auf die Pauke hauen, es kann auch sein, dass sie sich zurück ziehen. Es kann auch sein, dass alles sehr tief vergraben wird, weil die Kombination aus Schockstarre, Schuldgefühlen, fehlende Ausdrucksmöglichkeiten und Ansprechpersonen zu viel sind und erst irgendwann im Erwachsenenalter wenn alles super scheint, der Sturm über einen hineinbricht. Und dann? Im schlimmsten Fall können langfristig psychische Erkrankungen enstehen, wenn ein Trauma nicht aufgearbeitet wurde, z.B:

  • Angststörungen
  • Depressionen
  • Borderline-Syndrom
  • Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS)
  • dissoziative Identitätsstörung (früher als multiple Persönlichkeit benannt)

Diese Erkrankungen können auch andere Ursachen haben, sind als Folgen von sexuellen Übergriffen aber nicht unüblich. Umso schwerwiegender sind die Folgen wenn

  • der Altersunterschied zwischen TäterIn und Opfer besonders groß ist oder es sich um eine andere Generation handelt
  • verwandtschaftliche Nähe besteht, besonders bei Autoritäts- und Vaterfiguren
  •  der Missbrauch länger andauert (im Durchschnitt 3 - 11 Jahre wenn TäterInnen aus dem Umfeld stammen)
  • das Kind noch sehr jung zu Beginn ist
  • Gewalt angedroht oder angewendet wird
  • mit niemandem darüber gesprochen wird
  • kaum schützende Vertrauensbeziehungen zu Eltern oder anderen Personen bestehen

Und was passiert dann?

Menschen, die nicht funktionieren, haben in unserer Gesellschaft wenig Platz. Über genau diese Thematik hab ich an anderer Stelle schon mal geschrieben. Wer mit den Langzeitfolgen eines Traumas zu kämpfen hat, hat nicht nur haufenweise und jahrelange Aufarbeitungszeit vor sich, sondern vor allem auch Phasen, in denen er/sie nicht arbeitsfähig ist, ein Umfeld, dass vermutlich keine Ahnung hat, warum hier "so viel" Aufhebens gemacht wird und darf sich eine ordnungsgemäße Traumatherapie auch noch selbst bezahlen.


Da medial über die Folgen im Erwachsenenalter kaum berichtet/gesprochen wird, macht dies die Bewältigung der Probleme noch schwerer. Noch mehr, wenn es sich um eine männliche Person handelt.

Was kann ich als Elternteil tun?

Im Grunde sind es dieselben Dinge, die bereits im Artikel "Wie kann ich mein Kind vor sexuellem Missbrauch schützen?" angesprochen wurden. Auch "Mein erstes Aufklärungsbuch" möchte ich an dieser Stelle wieder empfehlen.

Anregungen speziell für Jungs-Eltern

  • Schau genau hin! Überlege bei Verhaltensänderungen, ob du sie bei einer Tochter genauso bewerten würdest. Denke darüber nach, welche Bilder du von richtigen Männern/Jungs im Kopf hast.
  • Achte darauf, welches Verhalten du bei deinem Sohn bestärkst und welches du als unpassend empfindest. Darf dein Kind all seine Gefühle zeigen, oder gibt es auch welche, die besser runtergeschluckt werden sollen?

  • Wie viel Gefühl zeigst du als Papa vor deinem Sohn?

  • Fördere das Sprechen über Gefühle. Anregungen dazu findest du auch hier.

Dein Sohn braucht:

  • eine Sprache, um über Sexualität sprechen zu können
  • die Fähigkeit, sich selbst spüren zu können
  • die Stärke "nein" zu sagen, wenn sich etwas nicht gut anfühlt

TäterInnenstrategien sind vielfältig, aber sie folgen einem bestimmten Schema. Sexuelle Übergriffe können auch zwischen Jungs stattfinden, bei denen der Altersunterschied gar nicht so groß ist. Hier spielen auch Mutproben z.B. eine Rolle. Genau deshalb sollten Jungs auch mal erfahren, dass sie nicht immer die Coolen spielen müssen, sondern auch mal "nein" sagen dürfen.


Mag.a Elli Scambor berichtete im Interview auch von einem Beispiel, bei dem die Übergriffe zwischen unterschiedlich alten Brüdern stattfanden. Der kleinere hatte das Gefühl gewonnen, nun endlich auf gleicher Augenhöhe zu sein, weil ihm der Ältere etwas "Besonderes" zeigte und ihn auch in sonstige Aktivitäten einband.


Genau solche Strategien machen es für die Opfer besonders schwer, sich aus diesen Abhängigkeitsverhältnissen zu lösen. Umso wichtiger ist es, auch mit Burschen über das Setzen und Einhalten persönlicher Grenzen Klartext zu reden. 

Über Gefühle sprechen können, kann Leben retten.



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© Iris Forstenlechner - Wie kann ich mein Kind vor sexuellem Missbrauch schützen?

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