Funktionieren oder Abtauchen. Die Kultur der Angepassten.

Es ist egal worum es geht. "Geht nicht, gibt's nicht." "Was nicht passt, wird passend gemacht." "Jede/r kann sich frei entscheiden."...."You can do it." Die Liste der Sätze, die uns suggerieren, wenn wir nur wollen, dann werden wir schon können, lässt sich unendlich fortsetzen. Aber wie heißt ein anderer Song? "Wir müssen nur wollen." 

Natürlich gestalten wir unser Leben mit. Aber da gibt es auch noch unterschiedliche Rahmenbedingungen und da gibt es zB auch noch unterschiedliche Belastbarkeitsgrenzen oder traumatische Erfahrungen, die auf ein Leben einwirken, die ein "Funktionieren" nicht immer möglich machenWas Sie funktionieren nicht? - Aber bitte nicht hier, hier passen Sie sich gefälligst an. 


Was sein darf und was nicht.

Schreikinder? nope.

Schreikinder. Sie sind sowas wie die gefürchtetste Version eines Babies für Eltern. Die Anstrengung multipliziert sich, die tausend Fragen, warum denn dieses arme Kind schreit und einfach der Wunsch, dass es aufhören möge. Denn schreienden Kindern kann es ja nicht gut gehen. 

 

Kürzlich habe ich ein Video von Erika Pichler, einer sehr erfahrenen und wirklich weisen Hebamme, gefunden, das sich genau mit Schreikindern beschäftigt. Und was sagt sie uns? Kinder haben keine andere Möglichkeit sich auszudrücken. Und wenn ihr Geburtserlebnis z.B. sehr unangenehm für sie war, dann müssen sie ihre Geschichte auch erzählen dürfen. Gerade, wenn alle Bedürfnisse erfüllt worden sind, kann mensch dem schreienden Kind eigentlich nur mehr kommunizieren, dass mensch es liebt, und für das kleine Wesen da ist. Aber es ist nicht die Aufgabe der Eltern, das Kind vom Schreien abzuhalten. 

 

"Stellen Sie sich vor, Ihrem Partner passiert etwas irrsinnig Trauriges. Und wann immer er Ihnen davon erzählen will, stecken Sie ihm eine Praline in den Mund."

 

Hm, nicht so fein. Eigentlich wollen wir alle Gehör finden. Eigentlich wollen wir alle Ernst genommen werden. 

"...jetzt ist das kleine Glück perfekt."

In unserer Gesellschaft gibt es bestimmte Hierarchien von Problemen. Manche sind ok, über die kann schon gesprochen werden, für die gibt es mittlerweile eine Lobby. Andere wiederum sind absolut Tabu.

Zu Themen, die positiv konnotiert sein "sollten",  negative Erfahrungen anzusprechen...puh. Da lehn dich mal nicht zu weit aus dem Fenster. Bei ungeplantem Kaiserschnitt, der dann nicht immer ganz so leicht weggesteckt wird, suggeriert die Aussage "Hauptsache gesund" bei den Betroffenen vor allem einen Fokus aufs Baby. Das persönliche Empfinden der Mutter kommt allerdings als viel weniger wert rüber und der Schmerz und Verlust dieses Moments, so wie frau ihn sich vorgestellt hatte, fühlt sich einfach ignoriert an. (Im Artikel "von der Hausgeburt zum Kaiserschnitt" habe ich darüber bereits geschrieben). Das tut weh. 

Selbstmord - sicher nicht.

Ein anderes Beispiel ist Selbstmord. Gerade bei bekannten Persönlichkeiten werden da zur Beschönigung gerne Mordtheorien gesponnen, weil mensch einfach nicht wahrhaben will, dass psychischer/physischer Schmerz so groß sein kann, dass der Freitod die einzige Erlösung ist. Kurt Cobain wäre da ein Beispiel. Aber auch die andere Reaktion, Selbstmord als feige zu schimpfen (wie zB bei Robin Williams) ist eine Möglichkeit der Ignoranz nach dem Motto "jetzt reiß dich mal zusammen."

Und Opfer müssen richtig leiden oder berühmt werden

Die Zahl der Themen ist schier unendlich. Es gibt immer was zu meckern, und es gibt vor allem immer etwas zu schweigen. Bricht eine/r das Schweigen, gibt es ebenfalls Regeln dazu. (Das sind jetzt subjektive Beobachtungen von mir. Also bitte, jede/r darf sie gerne widerlegen, erweitern, andiskutieren).

  • Leide. Entsprich dem Klischee. Maße dir aber nicht an, all zu persönliche Fragen nicht gleich beantworten zu wollen. Schweige nach einer (kurzen) angemessenen Zeit (= bis alles medial ausgeschlachtet worden ist) für immer zum Thema. Passiert das nicht, wirst du medial als nervig und leicht hysterisch abgestempelt nach dem Motto "Was regt die sich noch immer so auf (zB Natascha Kampusch, Dylan Farraw (=>Woody Allan)). Sei nicht weiß. Weiße Frauen haben ja Girl Power und so. (Der Westen ist ja außerdem so gleichberechtigt, dass hier Frauen ja auch gar nicht mehr geschlagen werden. Das ist ja nur bei "diesen" frauenfeindlichen Kulturen so.*sarkasmus*)
  • Werde berühmt. Mach dir deine Leidensgeschichte zu nutze. Sei ein role model, mach das beste aus deiner Erfahrung. Rise lika a Phoenix und verdiene die Megakohle damit. (Waris Dirie, Oprah Winfrey, Tina Turner).
    Nur um eines klar zu stellen, DAS ist kein Vorwurf an die genannten Frauen, sondern eher das Erschrecken darüber, dass Weiße Frauen - in meiner Wahrnehmung - nicht gleichzeitig Vergangenheit und Zukunft haben dürfen. Was sagt uns das über unser gesellschaftliches Bild über Herkunft und Geschlecht? Wem wird die Opferrolle zugeschrieben in welcher Konstellation und wem nicht? Warum?
  • Berücksichtige bitte die "natürliche" Geschlechterordnung. Männer sind Täter, Frauen sind Opfer. Männer sind gesund, Frauen leiden eh immer an irgendwas. Mindestens Migräne. Daraus resultiert: Männer dürfen öffentlich weder über individuelle Gewalterfahrungen sprechen noch über psychische Krankheiten. Hat einer einen an der Waffel, dann gehört das vielleicht noch zum Künstler-Dasein oder nennt sich "er ist eine Persönlichkeit." Männliche Opfer gibt es meist nur im Kollektiv (Klagen bei Missbrauch an die kath. Kirche) in der Öffentlichkeit. Über Gewalt im Häfn (dt. Knast) wird kaum gesprochen und irrwitzige Argumente dafür gebracht. Oder: "Der Strafvollzug ist kein Paradies."  - ergo: selber schuld...und jetzt halt die Klappe. 

Die Konsequenz? Schweigen oder Funktionieren.

Leiden ist privat. Wer nicht passt, wird angepasst oder weggesperrt. Zum Beispiel auf den zweiten und dritten Arbeitsmarkt. Schul-Lotsen etwa. Es gibt eigene Programme und Einrichtungen, die sich mit Menschen, die Unterstützung bei der "Re-Integration" in den Arbeitsmarkt benötigen, beschäftigen. Wohlgemerkt Re-Integration. Ziel ist immer der Erste Arbeitsmarkt, also volle Funktionsfähigkeit. 

 

Während die Phase des Schreikind-Seins ja noch vorbeigeht, genauso wie im Idealfall die Verarbeitung einer Geburt oft auch ohne therapeutische Hilfe auskommt (aber nicht immer), gibt es Herausforderungen für einige Menschen, die einfach da sind und die bleiben. Wo eine Heilung eher sekundär ist, oder gar nicht möglich, dafür aber ein Funktionieren. Und zwar nicht nur, weil eine/r das selbst so braucht, damit es ihr/ihm gut geht, sondern auch weil nicht genug Raum dazu sein scheint, um nicht zu funktionieren.

 

Posttraumatische Belastungsstörung, Depression, bipolare Störung, Angststörung, dissoziative Identitätsstörung (früher multiple Persönlichkeitsstörung genannt), Borderline...

 

Allein beim Hinschreiben möchte ich schon wegschauen. Störung. Überall Störung. Die Betroffenen wurden von Ereignissen oder anderen Personen gestört, und nun fühlen sich die, die Welt am Funktionieren halten wollen, ebenfalls gestört. Schon klar, dass so eine Diagnose nicht gerade mehr Pep ins Leben bringt. Doch zumindest Erklärung dafür, warum ich mich so fühle, wie ich mich fühle. Diese Erklärung bleiben wir (die darüber Bescheid wissen, dass es sowas gibt) der Öffentlichkeit oft und gerne schuldig. Weil so komplex, so vielfältig, so schwer zu kommunizieren und mit Scham besetzt. Dabei wichtig.

 

Psychische Krankheiten sind ein Aspekt der Gesellschaft und gehören dazu. Niemand sollte sich dafür schuldig fühlen oder gar schämen, dass er/sie besonders beschissene Herausforderungen zu bewältigen hat, die aus den unterschiedlichsten Gründen ins eigene Leben getreten sind.

 

Aber oft, sehr oft, war Gewalt im Spiel. Gewalt von Menschen gemacht. Und die sind auch ein Teil der Gesellschaft. Die bekommen sogar Raum - ob im Krimi, Thriller oder Horror-Genre, im Egoshooter, durch lächerliche rechtliche Konsequenzen oder Dulden von Vergewaltigungswitzen. Dafür ist Platz. Nicht funktionieren und genau von dieser Gewalt betroffen zu sein, ja dafür hätten wir nur mehr hier ganz links hinten zwei Sitzplätze frei... Aber der Rest soll bitte unsichtbar bleiben und abtauchen. Wird ja sicher eine Selbsthilfegruppe geben...Muss mensch ja nicht immer alles in der (heilen) Öffentlichkeit breittreten...


Ehrlich, es ist unsere gesellschaftliche Verantwortung, eine Welt so zu gestalten, dass Gewalt keine Handlungsweise ist, die mensch "braucht". Und es liegt auch an uns, an diesem Funktionieren festzuhalten, oder auch nicht. Sich automatisch an den stärksten Mitgliedern der Gesellschaft zu orientieren, bringt aber niemanden etwas. Nicht mal den Stärksten. Die müssen dann nämlich auch immer auf demselben Level funktionieren. Brechen sie zusammen, werden sie genauso wenig aufgefangen wie jene, die eh schon seit jeher mit diesem System zu kämpfen haben. 

Es wird Zeit, dass wir Raum einfordern. Für uns alle.

 Es wird Zeit, dass wir dem System (das aus uns besteht) ins Gesicht blicken und sagen:

 So nicht!



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#koeln #aufschrei
© Katja Grach


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