Über die "Erfindung" des eigenständigen Fötus.

 

Schwangerschaft gibt es ja quasi seit Beginn der Menschheit. Den Fötus als eigenständiges Wesen, das unabhängig von der Mutter gedacht wird allerdings nicht - sagt Gastautorin Kathrin Jarz. Und sie muss es wissen: Sie forscht zu diesen Themen. Den Fötus als eigenständiges Wesen gibt es erst seit der Entwicklung bildgebender Verfahren in unseren Köpfen...

Tampons und Versteckspiele hat es nie gegeben

Kathrin Jarz  studiert(e) Germanistik und Interdisziplinäre Geschlechterstudien an der Karl-Franzens-Universität Graz und forscht derzeit zum Thema Schwangerschaft und Mutterschaft.

Wie ein Fötus aussieht wissen die meisten von uns – von Ultraschallbildern, Schulbüchern, Autowerbungen und Pro Life Kampagnen. Dieses leicht rötlich schimmernde Wesen, das in einer kleinen Blase verträumt vor sich hinschwebt und dessen Wachstum wir mittlerweile per App nachvollziehen können.

Durch seine bildliche Darstellung ist er quasi ein fixer Bestandteil unserer Kultur geworden. Er wächst scheinbar autonom vor sich hin – die Gebärmutter und die Frau die daran hängt wird ausgeblendet. 

Ungeborenes Leben als dämonischer Output

Unsere Ur-Ur-Großmütter hatten sicherlich noch keine App. Für sie existierte auch kein Fötus. „Schwanger-Gehen“ hatte damals viele unterschiedliche Leibempfindungen, die an die Mutter geknüpft waren. Einen klassischen Katalog an Merkmalen wie heute, gab es nicht. Ein ungeborenes Kind konnte mensch sich in Abgrenzung zur Schwangerschaft sowieso gar nicht vorstellen. Dazu gab es ja kein „Bild“. Das Ungeborene war weder im Diesseits noch im Jenseits, es war in einem Zustand des Schwellendaseins ohne Grenze zwischen ihm und der schwangeren Frau. Es bewegte sich zwischen Wissen und Nichtwissen und markierte die unstabile Phase der Schwangerschaft. Auch die Geburt galt als ein Übergangsprozess vom Unsichtbaren zum Sichtbaren. Das Körperinnere war besetzt mit Geheimnissen und regte zu wilden und fantastischen Vorstellungen über eine fremde Welt an.  

 

Kulturgeschichtlich wird das Ungeborene von Forscherin Barbara Duden der Kategorie der Verborgenen zugeordnet, zu der auch Tote, Heilige und Engel gehören. Viele Zeichen konnten zwar auf sein Dasein hinweisen, aber bevor das Kind nicht geboren wurde, war es seinem Wesen nach unsichtbar.

In der vorchristlichen Zeit wurde die Frau zudem sehr stark der Natur zugeordnet, die lange als von Dämonen beherrscht gedacht wurde. So sollte das Dämonenhafte während der Vorgänge rund um Schwangerschaft und Geburt direkt auf die Frauen übergehen (bevor diese Prozesse rational nachvollzogen werden konnten). Die einwirkenden Dämonen würden schließlich von den Frauen aufgrund ihrer natürlichen Zauberkräfte wieder nach getaner Arbeit vertrieben. – Im Volksglauben blieb auch nach der Christianisierung der magische Glaube an diese Verbindung eine Weile erhalten. 

  

Die Idee, dass dieses Wesen als eigenständiger Mensch gedacht wird,  war in der Vorstellungswelt unserer Ur-Ur-Großmütter nicht präsent. Mutter und Kind wurden als eine Einheit gesehen. Leonardo da Vinci beschreibt diesen Zustand mit den Worten: „Ein und dieselbe Seele regiert auch diese beiden Körper". Somit konnte der „moderne Fötus“ bis zur Etablierung des Ultraschalls nicht erlebt werden, noch gab es ihn als „Mitbewohner unseres Alltags.“  

Fehlgeburten als Mondkinder und "Erlösungsproblem"

Und was war, wenn eine Frau eine „Fehlgeburt“ hatte und unser heutiger Fötus doch vor der Geburt sichtbar wurde? Wie wurde das, was wir heute als embryonale Gestalten bezeichnen, früher gesehen und erlebt?

 

Der forschende Blick des Naturkundlers im 17. Jahrhundert erschuf  das Mondkind, die Mola oder die Mole. Ein Mondkind war ein unkindlicher Zwilling des kommenden Kindes. Frauen empfingen diesem Verständnis nach nicht nur Kinder, sondern auch Mondkinder, „[den] Anfang zur Zubereitung eines Kindes, welches aber nicht zu seiner Gestalt gelangen [hat] können.“

 

Um das Konzept der Mola verstehen zu können, sind zwei Dinge Voraussetzung:

  1. Die Lehre über die menschliche Proportionalität dominierte das damalige Denksystem.
  2. Es fehlte ein lineares Entwicklungsdenken.

Abgänge mit stummelartigen Beinen und einem übergroßen Kopf konnten deshalb nicht wie heute als Teil der linearen, phasenweisen embryonalen Entwicklung betrachtet werden. Die Menschen glaubten an natürliche, ästhetische Körperproportionen, wie sie bereits Leonardo Da Vinci entwarf.

 

Unproportionierte Embryos wurden dagegen als schauderhafte Gestalten wahrgenommen. Unzählige grafische Abbildungen in anatomischen Werken von voll ausgebildeten Winzlingen oder einer kindlichen Gestalt mit einem etwas größeren Kindskopf verfestigten den Glauben an ein vollständiges und wohlgeformtes Ungeborenes bereits im frühesten Entwicklungsstadium.

Fötus im Bauch nach Leonardo da Vinci
So stellte sich Leonardo da Vinci das vor

Der heutige Embryo war also wenige Generation zuvor dem Volksglauben nach noch eine Mola, eine verdorbene Frucht, die zu klein und unvollkommen war und deshalb nicht zum Menschenkinde reifen konnte.

Was sich die christliche Kirche dazu dachte...

Parallel zur im Volksglauben verbreiteten Mola machten sich auch die Theologen  zu Ungeborenen ihre Gedanken . Die Gottesgelehrten beschäftigten sich speziell mit der Frage der Heilssicherung des totgeborenen Kindes. 

 

Die katholische und lutherische (evangelische) Kirche unterschieden sich dabei wesentlich:

 

Die Katholiken

  • Ungetaufte Kinder waren prinzipiell vom Heil ausgeschlossen, mussten außerhalb des Friedhofs begraben werden und gelangten in einen Ort außerhalb von Himmel, Hölle und Fegefeuer, wo ihnen die Erlösung nicht gewährt wurde.
  • Nur durch die Taufe konnte das Ungeborene von seiner Erbsünde befreit werden, seine geistige Wiedergeburt erlangen und in den Kreis der Erlösten aufgenommen werden.
  • Eine Taufe setzte jedoch voraus, dass der Mensch mit einer vernunftbegabten Seele ausgestattet ist. Eine vernunftbegabte Seele konnte nur in einem Körper mit Gliedern wohnen. Deshalb sah sich die katholische Theologie immer mehr genötigt, an ein früheres vorgeburtliches Dasein zu glauben, was konsequenterweise die Frage nach dem Heil von den kleinsten Abgängen der Frauen und deren Taufe aufwarf.
  • Der naturforschende Blick unter dem Mikroskop imaginierte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts den Embryo deshalb als einen winzigen Körper, der von Beginn an eine Seele besitzt. Uterine Taufspritzen (Weihwasser wurde in Scheide der Frau eingeführt), die bis ins 19. Jahrhundert weit verbreitet waren, sind nur eine Konsequenz der katholischen Lehre.

Die lutherische Theologie

  • Der vorgeburtliche geistige Zustand eines Kindes wurde dem nachgeburtlichen gleichgesetzt. 
  • Dadurch konnte das Ungeborene an Gebeten seiner Mutter und Mitgläubigen teilhaben und dadurch Heil erlangen.
  • Eine (uterine) Nottaufe erübrigte sich somit, da Erlösung aus der Verdammnis durch den Glauben der Schwangeren, ihre christliche Rechtschaffenheit und Gebete erreicht werden konnte.
  • Die geistliche Ausrichtung der schwangeren Frau macht sie zur Hauptverantwortlichen ihrer Frucht, wodurch ein neuartiges theologisch-moralisches „Regime“ der Schwangerschaft mit einer Fokussierung auf das zukünftige Kind geschaffen wurde.

Der Fötus als Bild(schirm)realität

Heute wird der Fötus als ein vom weiblichen Körper herausgelöstes Wesen konzipiert, was ohne die medizintechnologischen Entwicklungen der letzten fünf Jahrzehnte undenkbar wäre. Dazu zählen:

Als technische Basis für diese sichtbare Trennung gelten der Test auf das Schwangerschaftshormon hCG und der Ultraschall. Das Ultraschallgerät bekommt im Verlauf der Schwangerschaft eine symbolische Funktion: Das erste Ultraschallbild wird zum Zeugnis der Schwangerschaft. Der Fötus wird zur Bild(schirm)realität.  


Auf diese Weise sind die Föten in allen Stadien ihrer Entwicklung – zurück bis zur gerade eben befruchteten Eizelle – virtuell in das soziale Gemeinwesen eingebürgert wordenungeachtet der Differenz etwa zwischen Embryo im Mutterleib, der sich in der Gebärmutter eingenistet hat und sich zu einem Neugeborenen entwickelt, und einem Embryo in der Petrischale. Die visuelle Darstellung trennt ihr Objekt von der Umwelt, indem die Abbildung von Zellen, Embryonen oder Föten aus dem jeweiligen Umfeld herauslöst werden.

In dieser Trennung der vormaligen Einheit von Mutter und Ungeborenen liegt auch die Ursache aller ethischen und gesellschaftlichen Problemfelder rund um den Embryo:

wie z.B. Abtreibung und Stammzellenforschung.

Schwangerschaft ist auch nicht mehr das was sie mal war...

Mit der Einführung von bildgebenden Verfahren änderte sich auch die Erfahrung und Eigenwahrnehmung von Schwangerschaft. Durch den Ultraschall verschob sich die Wahrnehmung der Frau von einer innerlichen Selbstwahrnehmung zu einer externen optischen Zuschreibung. So schaltet sich die Ärztin oder der Arzt als vermittelnde Instanz zwischen die Frau und den Fötus. Nur sie oder er vermag es als medizinische/r Expertin oder Experte die Flecken auf dem Bildschirm zu deuten und gewinnt somit die Definitionsmacht.


Da es in der westlichen Kultur an Initiationsritualen fehlt, kann der erste Besuch bei der Gynäkologin/ beim Gynäkologen eine Ersatzfunktion zukommen. Die schwangere Frau selbst richtet ihren Blick von außen auf ihr eigenes Inneres und wird zur Beobachterin ihrer Schwangerschaft. 

 

Der Fötus erhält dadurch nach biometrischen Kriterien je nach Entwicklungsqualität das medizinische Recht auf Leben.

 

Die Idee von der Machbarkeit gesunder Kinder ist geboren.


Der Embryo als autonomes Wesen wird medial zur „personifizierten Unschuld“ erklärt. Durch die Aneignung dieses emotionalen fötalen Schwangerschaftskonzepts wird die Frau zur verantwortlichen Instanz für das Überleben des Fötus. Deshalb braucht sie Beratung, Qualitätskontrollen und Entscheidungshilfen: „Dann wird Mutterschaft zur verantwortlichen Durchführung von gelernter Reproduktion, Babypflege, Bemutterung und Erziehung.“ Wie wir mittlerweile wissen, wurde Mutterschaft nicht immer mit diesen Komponenten in Verbindung gebracht.

Die Bilder von Embryonen haben sich mittlerweile kulturell verselbstständigt und sind zum Symbol des „Lebens an sich“ geworden. Paradoxerweise stammen die rötlichen Abbildungen, die für das Wunder des Lebens stehen sollten in den Kampagnen von  AbtreibungsgegnerInnen verwendet werden von toten Föten

Der unabhängige Embryo ist teils schon Realität

Der vom Frauenkörper unabhängige Embryo ist aber nicht nur in unserer Vorstellung lebendig, sondern auch teils Realität in Form der In-vitro-Fertilisation (IVF) und der Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI)

Schwangerschaft wird zunehmend zu einem Produktionsprozess,

der Frauenkörper zur Produktionsstätte

und der Fötus zum herstellbaren und verwertbaren Produkt gemacht.

Wie hast du dich erlebt als Schwangere? Als Einheit oder mit BauchbewohnerIn?


Weiterführende Literatur:

  • Braun, Kathrin: Eine feministische Verteidigung des Menschenwürdeschutzes für menschliche Embryonen. In: Verkörperte Technik – Entkörperte Frau. Biopolitik und Geschlecht. Hrsg. von Sigrid Graumann und Ingrid Schneider. Frankfurt; New York: Campus 2003, (= Politik der Geschlechterverhältnisse. 22.) S.153-165.
  • Duden, Barbara: Zwischen >wahrem Wissen< und Prophetie. Konzeption des Ungeborenen. In: Geschichte des Ungeborenen. Zur Erfahrungs- und Wissenschaftsgeschichte der Schwangerschaft, 17.-20. Jahrhundert. 2. Aufl.. Hrsg. von Barbara Duden und Jürgen Schlumbohm und Patrice Veit. Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht 2002. (= Veröffentlichungen des Max-Plancks- Institut für Geschichte. 170.)
  • Duden, Barbara: Der Frauenleib als öffentlicher Ort. Vom Mißbrauch des Begriffs Leben. Hamburg; Zürich: Luchterhand 1991. (= Luchterhand Essay. 9.)
  • Duden, Barbara: Geschichte unter der Haut. Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen um 1730. Stuttgart: Klett-Cotta 1987.
  • Schneider, Ingrid: Föten. Der neue medizinische Rohstoff. Frankfurt; New York: Campus 1995.
  • Weigel, Sigrid: Kulturwissenschaftliche Perspektiven zur Bioethik. Übertragung von Leben und Genealogie. In: Bioethik im Kontext von Recht, Moral und Kultur. Hrsg. von Ludger Honnefelder. Bonn: University Press 2008, S. 95- 111.
  • Wiesemann, Claudia: Wie kann über den Embryo in einer lebensweltlich angemessenen Weise gesprochen werden? Eine Kritik der Debatte um den moralischen Status des Embryos. In: Verkörperte Technik – Entkörperte Frau. Biopolitik und Geschlecht. Hrsg. von Sigrid Graumann und Ingrid Schneider. Frankfurt; New York: Campus 2003, (= Politik der Geschlechterverhältnisse. 22.) S. 141-151.


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