Die Erfindung der Mutter wie wir sie kennen

 

Sobald uns das Thema Mutterschaft ereilt, werden wir unsicher: Werde ich eine gute Mutter sein? Woher weiß ich, was mein Baby will? Kann ich das alles von "Natur" aus? - Und dann befragen wir Familie, Freunde, Bekannte, die eigenen Mütter, zahlreiche Ratgeber, Internetforen und facebook-Gruppen. Zurück bleibt oft noch mehr Verwirrung, Unsicherheit und das Gefühl, sich für irgendein "Lager" entscheiden zu müssen. Außerdem ist der Glaube weit verbreitet, dass eine Mutter sowieso weiß, was das beste für ihr Kind ist. Immer und ausschließlich sie. - Dabei stimmt das nicht mal...

Erfindung der Mutterschaft

...sonst könnten wir uns die ganzen Erziehungsragteber und Baby-Kochbücher wohl sparen.

Die Kulturgeschichte sagt: Frau = Mutter

Und damit ist die Debatte auch schon zu Ende. Weil Frauen gebären können und das vielen offensichtlich nicht ganz geheuer war, dachten sich die Menschen lange Zeit, Frauen würden von Dämonen beherrscht. Bei Schwangerschaft und Geburt wären diese Dämonen dann ordentlich zugange und mit ihren "natürlichen Zauberkräften" vertreibt sie die Frau nach getaner Arbeit (Geburt) dann wieder.

Wie das mit der stillen Post so ist, verändert sich die Geschichte meist ein bisschen, und aus den Dämonen rund um Geburt wurden vor der Zeit der großen Weltreligionen dämonische Frauengestalten, die Schwangeren und Wöchnerinnen gefährlich werden konnten.

 

Neben der negativen Einstellung zur Mutterschaft waren diese dämonischen Frauen dann auch noch sexgierige Luder - beides Eigenschaften die mit dem Idealbild der Frau nicht wirklich gut vereinbar sind. So entstand im Laufe der Religions- und Kulturgeschichte "die gute (richtige) Frau", die Mutter ist und tut was mann ihr sagt und daneben die Dämoninnen, Hexen, Vampirinnen, Femme fatale und böse Mädchen eigentlich auch noch.

 

Wer also nicht geboren hat, war höchst verdächtig, lasterhaft und wurde in der Realität (Hexen) oder in der Literatur (der Rest) wahnsinnig, verbannt, bestraft oder getötet.

Waren diese Mütter mütterlich? pfff.

Kindeswohl? Fehlanzeige.

Im Artikel "Hausarbeit...hat es nie gegeben" habe ich ja schon erzählt, dass die klassische Hausarbeit wie wir sie heute kennen vor dem 18. Jahrhundert nicht gegeben hat. Ebensowenig  Vorstellungen von Privatsphäre, der Rolle der Frau als sensibles Heimchen am Herd und der Kindererziehung.


Kinder wurden einfach groß. Kaum konnten sie gehen, wurden sie behandelt wie kleine Erwachsene. Kinderzimmer, Kindererziehung, Kinderspielzeug usw. sind alles Erfindungen des 18. Jahrhundert. Mensch mag die Kinder im gemeinsamen Bett schlafen gelassen haben, aber nicht weils Familienbett so "toll" war, sondern weils nur ein Bett gegeben hat. Pucken? Naja, eingewickelt von Kopf bis Fuß, damit sie nicht davonkrabbeln. Dann konnte mensch sie besser aleine lassen oder an die Wand hängen. - Im Film "Babys" seht ihr ein mongolisches Baby, das selbstverständlich eingewickelt von oben bis unten allein in der Jurte liegt. Bändchen mit Glöckchen am Arm befestigt, fertig. Wenn's bimmelt kommt die Mama. (Vielleicht).


Stillen, Säuglingsernährung? Eine Amme verrichtete diese "Dienstleistung" für jene, die es sich leisten konnten. Wenn am Feld gearbeitet werden musste, kann ich mir teils kaum vorstellen, dass da immer liebevoll gestillt wurde. Allein wie die bäuerlichen Frauen hierzulande noch vor 60 Jahren grade mal zur Entbindung ihre Arbeit unterbrochen haben, und wie ältere Frauen mal erzählen, was die Kinder zu trinken bekamen...da war Stillen eine Option.

Reinlichkeitstraining? Kinderspiele? Bewusste Erziehungsmethoden? Nichts.

 

Das Aussetzen von Kindern stand vor dem 18. Jahrhundert nicht mal unter Strafe. Weil die Säuglingssterblichkeit recht hoch war (1/4 der Kinder wurde nicht mal ein Jahr alt), hängte frau sich auch nicht sonderlich emotional an jede Schwangerschaft. Und auch wenn wir die Erzählungen unserer Großeltern und Urgroßeltern anhören, fällt auf, dass Ziehkinder oder Kostkinder keine Seltenheit gewesen sind. Die Gründe dafür waren aber eher pragmatisch als aus Liebe.

 

Denken wir mal daran, wie lange die Prügelstrafe in den Schulen her ist, und wie noch immer über "gesunde Watschen" diskutiert wird...Mütter sind/waren da genauso wenig zimperlich wie Väter.


Kinder waren genauso wenig Wunschkinder, wie Liebe der Grundstein für die Ehe war.

Frauen waren wilde Hummeln. Und die Ehe ein offener Kampf.

Da jede Form von Arbeit vor der Industrialisierung für das Überleben der Familie gleich wichtig war (wie ich hier schon geschrieben habe), beteiligten sich Frauen auch an allen Widerstandsaktionen - vor allem wenn es um die Ernährung der Familie ging.


Weil sie aber offiziell nicht "geschäftsfähig" waren (das waren nur Männer) hatten sie ein bisschen mehr Handlungsspielraum bei Streiks und Demonstrationen und setzten das mit einer gehörigen Portion Aggression um. Frauen der damaligen Zeit werden in alten Schriftstücken als "wild, frech, aufrührerisch und ungebärdig" beschrieben.


1807 schrieb ein Beobachter in England: "Sie haben weniger Angst vor dem Gesetz, teils durch ihre Unkenntnis, teils weil sie mit dem Privileg ihres geschlechtes spielen, und deshalb sind sie die ersten in allen öffentlichen Tumulten, unübertroffen an Gewalt und Wildheit."


Na, wo ist das schwache Geschlecht? Und wie passt das mit dem Idealbild er Mutter zusammen?

© Der Kampf um die Hose  Braeu, Nicolaus

Wer hat die Hosen an?


Wie gesagt - auch mit der Liebesheirat war nicht wirklich was zu machen. Die Kirche verstand unter Liebe, dass sich die Eheleute nicht offen hassen sollten. Überhaupt waren fast ein Drittel der Eheleute ein zweites oder drittes Mal verheiratet, weil nach einem Sterbefall aus wirtschaftlichen Gründen sofort wieder geheiratet werden musste.


Das Resultat? Zwei Menschen müssen sich zusammenraufen und keine/r will sich kampflos unterordnen. Es wurde gestritten und es wurde geschlagen. Und es wurde Widerstand geleistet. Zahlreiche alte Flugblätter und Kupferstiche zeigen diesen "Kampf um die Hosen."


Klingt auch nicht unbedingt nach einer idyllischen Umgebung für aufopfernde Mutterschaft.

Gibt es die Mutterliebe?

Kaum ist ein Kind unterwegs, geht mensch davon aus, dass dieses Kind bedingungslos geliebt werden wird, das alles voller rosa Herzchen ist, sobald das Kind aus dem Geburtskanal flutscht (*haha*) und überhaupt weiß eine Mutter instinktiv immer genau, was für ihr Kind das richtige ist. Bullshit. Wozu haben wir dann alle diese Ratgeber im Regal stehen und tippen uns in Mami-Foren die Finger wund, wenn uns ohnehin der Instinkt schon alles sagt?

 

Im “Conversationslexikon für das deutsche Volk” 1838 gab es die “Mutterliebe” noch nicht. Dafür Gatten,- Kindes- und Elternliebe. Der Sozialpschologe Erich Fromm beschreibt 1956 die Mutterliebe als bedingungslose Liebe. Die Vaterliebe bekämen allerdings nur die, die gehorchen.

 

Mythos mit vielen Schubladen

 

Die Mutterliebe ist ein Mythos und sie kann für viele die Hölle sein. Denn daran sind haufenweise Erwartungen geknüpft, wie eine Mutter zu sein hat, was sie machen soll und um Himmelswillen das Kind nicht in "Fremdbetreuung" geben. (Pädagogisch geschulte Personen sind der Teufel, 17-jährige Babysitter von der Nachbarin empfohlen aber keineswegs "fremd" - aber gut.)

 

Mutterliebe stresst auch, besonders frisch gebackene Mütter, deren Geburtserlebnis einfach scheiße war und die sich fragen, wann denn das richtige Baby aus dem Bauch jetzt endlich kommt.

 

Mutterliebe ist auch sicher nicht Natur pur, wenn wir uns mal vergegenwärtigen, das Kinder vom Jugendamt manchen Müttern entzogen werden, weil sie vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht werden.

 

Mutterliebe tut auch so, als wären Frauen prinzipiell dafür geboren, für andere zu sorgen, den Haushalt zu machen, Angehörige zu pflegen. So eingedeckt mit allen möglichen Verpflichtungen ("aus Liebe") hat eine selbst gar nicht mehr Platz. (Cornelia auf umstandlos.com hat eine ganze Reihe von Problemen mit dem Mythos der Mutterliebe angeführt.)

Natürlich lieb(t)en Mütter auch ihre Kinder. Aber die "natürliche" Mutterliebe gibt es nicht.

Ja aber, die Frauen kriegen ja trotzdem die Kinder

...und das war schon immer so.

Ja und? Eine Mutterschaft macht noch lange keinen Sommer, oder so ähnlich. Mutter ist in erster Linie eine Verwandschaftsbeziehung. Und diese Beziehung kann sich unterschiedlich gestalten - wie ist Sache jeder einzelnen. Punkt. "Eine Mutter hat...", "Eine Mutter macht...", "Mütter sind ja sowieso..."...

 

Die biologische Anlage, ein Kind zu gebären, macht noch niemanden zur Supermutti und es lässt auch nicht jede Frau alles fallen, um sich nur mehr und ausschließlich dem Kind zu widmen. Das ist heute noch nicht so, das war vor 50 Jahren noch nicht so, vor hundert, zweihundert Jahren auch nicht,  selbst die Wikingerinnen sind auf See gefahren und haben gekämpft.

 

Die Frauen warten dann zu Hause/in der Höhle mit dem Essen...

 

WissenschaftlerInnen der Universität Western Australia haben durch Untersuchungen an Knochen herausgefunden, dass viele Skelette von Wikingern fälschlicherweise als Männer identifiziert wurden, weil sie mit Schwertern begraben worden sind. "Frauen" wurden vorher durch Broschen in den Gräbern identifiziert.

 

Auch die Wissenschaftlerin Sigrid Schmitz zeigt in ihrem Aufsatz "Jägerinnen und Sammler" deutlich, dass gerade in der Archäologie viel Schindluder bei der Interpretation von Fundstücken getrieben wird. Tiefer Fußabdruck = männlich, weniger tiefer Abdruck = weiblich. Weil Männer ja immer größer und schwerer sind, Frauen nie etwas tragen und schwanger sind sie auch nie.

Ebenso gehen wir einfach davon aus, dass die ersten Menschenfrauen einfach bei der Höhle sitzen geblieben sind, während sie ihren Nachwuchs betreuten. Woher wissen wir das? Möglicherweise sind die Tragehilfen von damals einfach schon längst verrottet. So viele Menschen auf der Erde tragen ihre Kinder herum.

 

Ach Richard David Precht erzählt in seinem Vortrag "Alles nur Chemie?" ganz eindrücklich, wieso dieses Höhle/Jagd-Modell als Vorlage für unsere heutige Rollenaufteilung nicht wirklich prägend gewesen sein kann (sofern es überhaupt nachweisbar ist).

 

Ich schweife ab.

 

Vater, Mutter, Kind mit ganz viel Mutterliebe, Übermutter usw. gibt's genauso wenig von "Natur" aus, wie das Heimchen am Höhlenfeuer.

 

Und DIE Mutter hat es nie gegeben.



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