Wie ist das mit der Liebe? - Aufklärung über Sex

Wenn das Alter der Kinder langsam in Richtung Pubertät schreitet, ist nicht mehr nur die Frage interessant, woher denn eigentlich die Babys kommen. Viel spannender werden da auch die eigenen Gefühle, dieses Kribbeln, das Thema Verliebtsein generell und damit auch Beziehungen. Während "Mein erstes Aufklärungsbuch" sich an Kinder ab 5 Jahren richtet und viel zum Thema emotionale Entwicklung bereithält, konzentriert sich das ebenfalls im Loewe Verlag erschienene Aufklärungsbuch "Wie ist das mit der Liebe" von Sanderijn van der Doef auf Fragen und Antworten für Kinder ab 9 Jahren.


Wie ist das mit der Liebe

Aufklärungsbücher gibt es in Hülle und Fülle mit unterschiedlichen Schwerpunkten und für unterschiedliche Altersstufen. Bei "Wie ist das mit der Liebe?" liegt der Schwerpunkt vor allem (wie der Name schon sagt) auf Pubertät und Liebe und fasst damit die Thematik ganzheitlich zusammen, während "Klär mich auf" konkrete einzelne Fragen aufgreift. 

Was "Wie ist das mit der Liebe?" besonders macht...

"Wie ist das mit der Liebe?" ist 62 Seiten (im A4-Format) dick. Das ist eine Menge. Es gibt zwar zahlreiche Illustrationen und auch der Text ist wieder für ErstleserInnen geeignet (also schön groß gedruckt), aber generell ist irrsinnig viel Information für interessierte Kinder zu finden. Dabei wird nicht lange mit einer Geschichte herumgelabert, die das Thema Fortpflanzung verpackt, sondern bereits das erste Kapitel nennt sich "Was ist Sex?"

Weiter geht's mit der Liebe, dem Küssen, Jungs und Mädchen und schließlich der Pubertät. Vom Kapitel Schmusen geht's dann weiter zu "ein Kind machen", der Schwangerschaft, Formen des Zusammenlebens usw. Die Illustrationen sind durchaus kinderbuch-mäßig, zeigen nicht zu viel und nicht zu wenig. Sie zeigen aber vor allem auch die Unterschiedlichkeit von Körpern. Statt eines männlichen und weiblichen Normkörpers anhand derer dann der Rest erklärt wird, tauchen immer wieder unterschiedliche Hautfarben und Körperformen auf. Auch das Penisse verschieden aussehen, wird thematisiert.

Wie ist das mit der Liebe

Gleichzeitig wird zwischen Jungs und Mädchen nur ein Unterschied in Bezug auf ihre Genitalien gemacht. Zuschreibungen bezüglich Charaktereigenschaften und Kleidung werden zerstreut.

omg, die schreiben da über Sex!

Sanderijn van der Doef nimmt kein Blatt vor den Mund, formuliert aber auch kindgerecht. Der Tenor lautet definitiv: Kinder dort abholen, wo sie stehen & bestmöglich aufklären. Vieles wird explizit angesprochen, dafür bleiben auch wenig Fragen offen.

Natürlich werden sich viele Eltern denken: Muss mein Kind das schon so genau wissen? Aber versetzen wir uns mal in die Lage und erinnern wir uns an unsere Kindheit zurück.

  • Haben wir uns nicht gefragt, warum es manchmal im Schritt so komisch kribbelt und was das für Flüssigkeiten sind, die da nachts plötzlich aus uns herausquellen?
  • Haben wir uns nicht auch gefragt, ab wann Pärchen was machen, was sie genau machen und wie sich ein Zungenkuss anfühlt?
  • Haben wir uns nicht auch gefragt, ob das normal ist, wenn wir uns selbst befriedigen - wo wir doch (zumindest als Mädchen) kaum mit jemandem darüber sprechen?
  • Und haben wir uns nicht auch gefragt - gerade in Bezug auf das erste Mal - ob wir das wirklich schon wollen? Ob wir wirklich dafür bereit sind?

Natürlich klärt die Bravo über vieles auf, aber nicht gerade kindgerecht. Die Bravo ist ein Jugendmagazin, das für Jugendliche geschrieben wird, die gerade beginnen auszuprobieren, die teils auch schon sexuelle Erfahrungen mit anderen gesammelt haben.  "Wie ist das mit der Liebe?" setzt viel früher an, und klärt viele Missverständnisse schon im Vorfeld auf, die wir bei Dr. Sommer immer als recht lustige Briefe verstanden haben.

Wie schreibt Sanderijn van der Doef jetzt über Sexualität für 9-jährige?

"Dieses Buch über Sex ist für dich geschrieben. Falls du nicht genau weißt, was Sex eigentlich ist,

kannst du das hier nachlesen.

Es handelt vom Verliebtsein, Küssen, sich Lieben und vom Kinder machen." (Einleitung, S. 7)


"Diese Buch wurde auch gemacht, damit du entdecken kannst, dass Sex nichts Seltsames oder Ekliges ist, sondern vor allem Spaß macht und etwas ganz Tolles ist.

Dass du dich dabei pudelwohl fühlen kannst." (Einleitung, S. 7)


"Du kannst an ganz vielen Stellen deines Körpers tolle Gefühle spüren.

Es st schön, die Fußsohlen zu kitzeln, den Kopf zu kraulen oder sich in der Wanne mit Seife einzureiben.


Für einen Jungen ist es super, über den Penis zu reiben. Ein Mädchen kann ein wohliges Gefühl bekommen, wenn sie sich zwischen den Beinen sanft an der Scheide kitzelt.

Alles Leute genießen es , sich an bestimmten Stellen anzufassen oder zu streicheln.


Das ist völlig normal. Kinder machen es und Große auch.
Aber nicht jeder findet das normal. [...] Weil es Leute gibt, die das stört,

lässt man es besser, wenn andere dabei sind.

Schließlich bohrt man sich in Gesellschaft ja auch nicht in der Nase." (Was ist Sex?, S. 8-9)


"Sex mit anderen geht auch. [...] Wenn ihr euch anfasst, kitzelt oder streichelt, ist es aber nur schön, wenn ihr es beide wollt, Mit dem Körper eines anderen etwas tun, was sie oder er nicht möchte, ist nicht nett und macht keine schönen Gefühle. Bei dir darf das auch niemand, denn dein Körper gehört dir und ist etwas ganz besonders. Darüber bestimmst nur du allein." (Was ist Sex?, S. 9)

Wie ist das mit der Liebe?

Das sind einige Beispiele von den ersten Seiten. Immer wieder - und das zieht sich durch das ganze Buch - geht es ebenso wie bei "Mein erstes Aufklärungsbuch" und bei "Klär mich auf" um die Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Lang und breit wird erklärt, was Verliebte so tun, was Schmetterlinge im Bauch bedeuten, welche Arten von Küsse es gibt (zB. Gutenachtkuss, Schlabberküsse von Hunden, nasse Küsse von Verwandten, Küsse zwischen Verliebten...). Sanderijn van der Doef stellt immer wieder den Bezug zur Lebenswelt der Kinder her. Greift auf, was die Leute so denken und sagen, und relativiert das auch immer wieder. 

Ein positives (Körper)gefühl

In "Wie ist das mit der Liebe?" wird nicht nur beschrieben, wie sich Körper verändern, sondern auch, dass sie immer schöner werden.  ("Du entdeckst, dass deine Hüften, dein Hintern und deine Oberschenkel ein bisschen runder werden. Du siehst sehr hübsch aus, auch wenn du selbst es vielleicht nicht so schön findest."/ "Manchmal glaubst du, keiner versteht dich, und manchmal hasst du deinen Körper, der immerzu wächst. Obwohl dein Körper immer schöner wird, kannst du dich selber manchmal gar nicht leiden.")

Ebenso werden die Gefühle, die in der Pubertät aufkommen immer wieder erwähnt, und dass auch das ganz normal ist.


Der Geschlechtsverkehr an sich wird ähnlich wie in "Mein erstes Aufklärungsbuch" beschrieben, aber auch nicht viel länger als auf einer Seite abgehandelt. Was ich gut finde ist, dass die Klitoris (das Hügelchen zwischen den Schamlippen) als zuständig für den Orgasmus ("das Gefühl, das beim Lieben das Allerschönste ist") genannt wird, und auch dass Sex müde macht, weil es "ziemlich harte Arbeit" ist ("Man muss sich viel bewegen und dafür sorgen, dass es dem anderen genauso gut gefällt wie einem selbst."

Wie ist das mit der Liebe?

Das Brenzlige kommt zum Schluß

Die letzten Kapitel von "Wie ist das mit der Liebe?" sprechen noch mal das Thema sexuelle Übergriffe von einer anderen Seite an: Pädophilie und Inzest. ("Es gibt Menschen, die merkwürdige Ansichten über Sex haben. Die wollen Sex mit Kindern."), auch Sexwitze, Klosprüche ("vögeln, Schwuchtel, Fotze...") kommen vor und zu guter Letzt folgen vier Seiten zum Nachschlagen von Wörtern, die mit Sex zu tun haben ("Geschlechtskrankheiten, AIDS, Gebärmutter, Safer Sex, Sperma, Tampon..."). Im Prinzip ist das eine Zusammenfassung der Wörter, die im Buch genannt werden, aber auch neue ("Sexshop") sind dabei zu finden. "Wie ist das mit der Liebe?" ist ein extrem umfangreiches Aufklärungsbuch, das so richtig schön zeigt, wie komplex das Thema eigentlich ist. 

Wie ist das mit der Liebe?

Zu kaufen gibt es Wie ist das mit der Liebe?: Fragen und Antworten zur Aufklärung für Kinder ab 9  natürlich unter diesem Link (dann hab ich auch was davon). Und wenn ihr generell noch mehr darüber wissen wollt, wie ihr mit euren Kindern über das Thema reden könnt, dann tragt euch einfach auf die E-Mail-Liste ein, und ich schicke euch das kostenlose eBook "Wie sag ich's meinem Kind? Sex & Porno".


Wie ist das mit der Liebe?

Kleiner Wermutstropfen

Auch wenn "Wie ist das mit der Liebe?" sehr viele Aspekte miteinbezieht, fehlt mir zum Beispiel, dass auch jede Vagina bzw. die Vulva mit den Schamlippen unterschiedlich aussehen kann. Beim Penis jedoch wird Wert darauf gelegt, diese Vielfalt zu transportieren. Den Begriff "Vulva" für das äußere weibliche Geschlechtsorgan hab ich auch vermisst. 

 

Auch für Elternpaare, die ihr Kind nicht durch Geschlechtsverkehr gezeugt haben, sondern etwa durch künstliche Befruchtung, oder aber Eltern, die ihr Kind über Adoption bekommen - bietet dieses Buch zwar viele Antworten, setzt die Norm aber ganz klar auf die "klassische" Empfängnis. Das zeigt sich zB an der Überleitung von den Körpern von Mädchen und Jungs zum Thema Pubertät. Hier steht:" Ohne den Penis deines Vaters und die Scheide deiner Mutter hätte es dich nämlich nie gegeben." 

 

Homosexualität, Adoption und künstliche Befruchtung finden sehr wohl Raum in diesem Aufklärungsbuch, werden aber immer so abgehandelt, dass mensch das Gefühl hat, es betrifft immer die anderen. 

 

Aber ansonsten...siehe oben :)

liebenslust


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