Wenn Intersex-Kinder zu Familiengeheimnissen werden.

 

Rund einer von 2000 Menschen wird mit eindeutig intergeschlechtlichen Merkmalen geboren. Für viele Familien ist das ein Schock, weil sie gar nichts über diese Möglichkeit wissen. Geschlechtsverändernde Operationen und Verschleierungstaktiken sind oft die Folge. Das ist für alle im Familienkreis belastend – am meisten für die intergeschlechtlich geborenen Kinder. Sexual- und Traumapädagogin, sowie Intersex-Aktivistin Gabriele Rothuber schreibt darüber.

intersex ab der Pubertät, Gabriele Rothuber
© Alex Jürgen #6 "the black files" #366days366artworks

Wenn die Worte fehlen...

Sprachlosigkeit ist ein Phänomen, das oft dann auftritt, wenn Menschen mit einem Thema/ einer Situation überfordert sind. Bei häuslicher körperlicher und/oder sexueller Gewalt dient das Nicht-Darübersprechen der Aufrechterhaltung der Machtverteilung, der Verschleierung und vor allem der “Normalität” nach außen.

Eltern können ihre Kinder jedoch auch vor vermeintlicher Abwertung oder Bloßstellung beschützen wollen. Schweigen kann auch einfach dem Warten “auf den richtigen Zeitpunkt” dienen, in dem über das Geheimnis gesprochen werden soll.

 

Viele intersexuell Geborene berichten von ebendieser Sprachlosigkeit innerhalb der Familie[1]. So wurde vielen jahrelang nichts über ihre “Besonderheit” erzähltnicht einmal dann, wenn an den inneren und/oder äußeren Sexualorganen operative Veränderungen vorgenommen wurden!  Dies wird sehr oft als Verrat, als ein Ausgeliefertsein, das Fehlen des elterlichen Schutzes und Erschütterung des Urvertrauens empfunden und trägt kaum zu einer gelingenden Eltern-Kind-Beziehung bei.[2]

© Alex Jürgen #39 "freako" #366days366artworks
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Das häufigste Bedauern

bei sehr vielen Intersex-Personen liegt darin,

 

dass sie von den Menschen,

denen sie am meisten vertrauten (Eltern, Ärzt*innen) 

nicht über ihre Besonderheiten aufgeklärt wurden.


Die Nebenwirkungen der Sprachlosigkeit

Das “Familiengeheimnis”, das auf allen Beteiligten, am meisten jedoch sicher auf den Betroffenen lastet – zieht sich meist weiter in die Pubertät und das Erwachsenenalter. Zu groß erscheint die Angst vor Herabwürdigung, Ausgrenzung und Sensationsgier anderer. Zu groß ist noch immer die gesellschaftliche Tabuisierung von Intersex!

 

Auch in ihrer Kindheit nicht operierte Inter*Personen[3] beklagen, als Kinder nicht über ihre “Besonderheit” aufgeklärt worden zu sein. Es wurde einfach nicht darüber gesprochen. Geahnt haben sie trotzdem, dass sie “anders” sind als die anderen. Sie werden versteckt, “behütet”, dürfen sich nicht mit anderen Kindern umziehen, sich nackt zeigen oder ihre Körper durch “Doktorspiele” erfahren, dürfen nicht von anderen gewickelt werden etc.

 

Eine natürliche Herangehensweise an kindliche Sexualität mit all ihrem sinnlichen Forscherdrang, wie sie eine psychosexuelle Entwicklung fördert, bleibt vielen Inter*Kindern verschlossen.

 

Zu groß scheint die Gefahr, “entdeckt” zu werden. Belastende Geheimnisse formen die Beziehungen innerhalb der Familie: Die einzelnen Mitglieder wissen, mit wem wie gesprochen werden darf, welche Grenzen nicht überschritten werden dürfen, wo Vorsicht angebracht ist etc.

 

Wenn mensch sich die Abwehrhaltung vieler Eltern ansieht, die sich vehement weigern, ihre Kinder aufzuklären und deren Fragen altersgemäß zu beantworten, scheint es nicht verwunderlich, dass Eltern von zwischengeschlechtlich geborenen Kindern mit diesen nicht über ihre geschlechtliche Besonderheit sprechen können[4]:

Einerseits haben sie selber nicht “gelernt” über das weite Feld der Sexualität zu sprechen, andererseits ist die Thematik Intersex einem starken gesellschaftlichen Tabu unterworfen. Das Wissen in der Bevölkerung hierüber ist äußerst gering[5]. Eltern von Inter*Kindern brauchen Unterstützung und Hilfe in Form von psychosozialer Beratung und dem Kontakt zu Selbsthilfegruppen – von Beginn an![6]

 

 

 Nicht das Geheimnis selbst ist der Grund für die Geheimhaltung,

sondern welche Bedeutung wir ihm geben.

Was nicht mehr im stillen Kämmerchen passieren soll:

Seit Jahrzehnten führen Interessensgemeinschaften im deutschsprachigen Europa ihre Kampagnen gegen dieses starke Tabu und für das Sichtbarmachen der Realität, nämlich dass männlich und weiblich Endpunkte einer Skala darstellen und es “dazwischen”[7] einfach unendlich viele Variationen von Geschlecht gibt.

 

"Es war Ostern als sie mein Croissant weggeschnitten haben. Danach bekam ich eine Barbie-Puppe..."  © Alex Jürgen #87 "normalizing scalpel" #366days366artworks
"Es war Ostern als sie mein Croissant weggeschnitten haben. Danach bekam ich eine Barbie-Puppe..." © Alex Jürgen #87 "normalizing scalpel" #366days366artworks

Zu ihren Forderungen gehört an oberster Stelle das Verbot von medizinisch nicht notwendigen und deshalb rein kosmetischen Zwangsoperationen an (Klein)Kindern. Der Machbarkeitswahn der 50er Jahre ging  nämlich davon aus,  dass Geschlechtsidentität unabhängig vom Körper anerzogen werden könnte. Inter*Kinder sollten dementsprechend früh “angepasst” werden – hierüber sollte eine strenge Geheimhaltung herrschen: die Kinder / Jugendlichen sollten niemals erfahren, wie sie geboren wurden. 2005 wurde in der Chicago Consensus Conference u.a. die offene Kommunikation mit Inter* und Eltern als neue Richtlinie festgelegt.[8] Trotzdem wirken die alten Denkmuster der 50er bis heute in der Medizin nach!

 

 

Außerdem dringlich ist die Aufnahme des Themas Intersex auf menschenrechtsbasierter und ent-pathologisierter Weise in die Lehre von medizinischen, beratenden und pädagogischen Berufen sowie die Aufnahme in die Schulbücher. Das heißt das Wissen darüber, dass “anders sein” nicht krankhaft ist ind keinen medizinischen Eingriff braucht, sondern dass es sein kann, ein vollkommen gesundes Kind zur Welt zu bringen / ein vollkommen gesundes Kind zu sein, das eben nicht in die starre Zweigeschlechterwelt passt – dieses Wissen gehört ins Allgemeinwissen! Und es könnte vielen Familien ihre Sprach- und Hilflosigkeit nehmen!

Mit Kindern über Sexualität und Geschlechterrollen reden

Intersexualität zeigt ganz deutlich, dass das Aussprechen von Themen, die unsere Geschlechterrollen und unsere Sexualität betreffen, in unserer Kultur ziemlich wichtig wären. Trotzdem schließen sich immer wieder „Besorgte Eltern“ zusammen, um gegen Sexualpädagogische Bestrebungen vorzugehen.

 

Durch meine langjährige Tätigkeit als Sexualpädagogin wage ich allerdings zu behaupten, dass nur wenige Eltern einen offenen Umgang mit dem Thema „mit Kindern über Sexualität sprechen” pflegen. Auch heute noch wollen viele die Kinder erst dann aufklären, wenn sie Jugendliche sind. Vorher „interessiere sie das nicht”, es „sei zu früh”, Kinder hätten noch keine „eigene Sexualität” etc.

Dabei belegen Studien und die Praxis: Kinder sind von Beginn an sexuelle Wesen!

Was mensch aber auf keinen Fall verwechseln darf:

Kindliche Sexualität hat nichts mit Erwachsenensexualität zu tun!

Sie ist weder fixiert auf Genitalien noch Orgasmen. Kinder leben, erfahren und  „lernen” ihre kindliche Sexualität mit allen Sinnen kennen und  lernen Grenzen auszuloten. Sie erforschen sich z.B. einander beim gemeinsamen Klogang oder beim “Doktorspielen”.

Einige Argumente für eine Aufklärung “von Beginn an”:

  • In keinem anderen Lebensbereich überlassen Erwachsene Kinder so sehr sich selbst, wie im Bereich der Sexualität. Sexualerziehung sollte als Teilbereich der Sozialerziehung und Persönlichkeitsbildung gesehen werden.[9]
  • Kinder sind daran interessiert, wie sie entstanden sind.
  • Kinder werden mit einer Fülle von sexualisierten Inhalten in TV, der Außenwerbung und den (schon gar nicht mehr so) “neuen” Medien konfrontiert, ohne dies einordnen zu können. Ein Nicht-darüber-Sprechen schafft Fragen und Fantasien nicht aus dem Kopf!
  • Aufgeklärte Kinder sind vor Missbrauch[10] besser geschützte Kinder, da sie wissen, wo “Sexualität hingehört” – nämlich zu großen Jugendlichen / Erwachsenen – und das man das mit Kindern nicht machen darf.
  • Kindern sollte früh vermittelt werden, dass sie mit allen Fragen kommen können!

 

Und trotzdem fällt es vielen Paaren schon schwer, miteinander über Intimität zu sprechen – so wird es bei den meisten nicht leichter, wenn sie mit Kindern darüber reden sollen.[11]


Man kann nicht nicht Aufklärung betreiben: Schon das Mitbennenen oder Nichtbenennen eines Genitals am Wickeltisch, später das Reagieren auf Kinderfragen, die Sexualität betreffend... ist „Sexualerziehung“!

In diesem Sinne:

 

Aufklären, Tabus aufbrechen und informieren!

Danke Gabriele für die Denkanstöße!

Mehr Infos zum Nachlesen:

Weitere Tipps zum Umgang mit intergeschlechtlichen Kindern finden Eltern außerdem im Elternbrief von VIMÖ und auch im Artikel von Gabriele Rothuber darüber, wie intergeschlechtlichen Jugendlichen begegnet werden soll.

 

Außerdem gibt es eine Linksammlung zum Thema Intersexualität mit Hinweisen auf Sachbücher und Kinderbücher für Eltern im „Linkmuseum“. Aufklärungsbücher, die sich dem Körper und dem Thema Grenzen setzen generell annähern (aber Intersexualität aussparen), gibt es in der Rubrik „Aufklärung“ zu finden.

 

Und für alle Eltern, die überhaupt noch kein Bild davon haben, wie sie überhaupt jemals mit ihren Kindern über Sexualität sprechen sollen, ohne peinlich berührt zu sein, gibt es bei der Anmeldung zum E-Mail-Abo auch ein kostenloses eBook („Wie sag ich’s meinem Kind?) mit vielen Impulsen.

 

In der Prävention von sexualisierter Gewalt an Kindern heißt es, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt. Die schlechten, werden einem/r aufgezwungen. Wenn Kinder nicht über ihren (intergeschlechtlichen) Körper sprechen und ihn verbergen müssen, ist das definitiv ein schlechtes Geheimnis. 

Durchbrechen wir gemeinsam diese Stille!



Fußnoten:

[1] siehe etwa „Tintenfischalarm“ von Alex Jürgen oder Berichte auf www.zwischengeschlecht.org

[2] Häufig werden die posttraumatischen Belastungsstörungen von sexuellem Kindesmissbrauch in Analogie zu zwangsoperierten zwischengeschlechtlich geborenen Kindern gesehen: etwa T. Alexander; E. Koyama; A.I. Lev

[3] Auch heute noch werden über 85 % der Inter*Neugeborenen chirurgisch/hormonell einem Normgeschlecht angepasst! Dies bedeutet für viele die Wegnahme gesunder Keimdrüsen („Kastration“), die lebenslange Substitution künstlicher Hormone, den Verlust der Zeugungs- oder Gebärfähigkeit, den Verlust sexueller Empfindsamkeit etc.

[4] F. D’Alberton  betont die Wichtigkeit guter Information über biologische und psychologische Aspekte der Sexualentwicklung für Inter*Kinder sowie die Möglichkeit, mit Eltern diese Thematik besprechen zu können!

[5] zur Geschichte der Intersexualität: E. Nussberger: Zwischen Tabu und Skandal

[6] www.vimoe.at Verein Intersexueller Menschen Österreich; www.hosi.or.at Menschenrechtsorganisation HOSI Salzburg

[7] So wird etwa das Normmaß eines neugeborenen Penis’ mit mind. 2,5 cm, das einer Klitoris mit max. 0,8 cm festgelegt. Siehe auch

[8] siehe: Consensus Statement on Management of Intersex Disorders, in: Pediatrics

[9]  www.selbstbewusst.at

[10] Über 90 % der Missbrauchstäter*innen kommen aus dem nahen sozialen Umfeld der Kinder! Sie arbeiten stark mit Gefühlsverwirrung und Geheimhaltung. Einem aufgeklärten Kind ist nicht so leicht einzureden, dass „das alle Nichten mit ihren Onkels machen“!

[11] dabei ist nicht gemeint, mit Kindern über die eigene Sexualität zu sprechen! Man kann ihnen jedoch jede (!) Frage altersgemäß beantworten

 

#366days366artworks von Alex Jürgen gibt es auf instagram und auf facebook zu bestaunen

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