Penis-Dialoge

Thomas Hahn kennt sich aus mit Penissen. Nicht nur weil er selber einen hat, sondern weil er sich als Sexualpädagoge und durch den Vertrieb von Kondomen (MY.SIZE Kondome)  eingehend mit Penissen, deren Größen und dem, worüber viele nicht zu sprechen wagen, beschäftigt. Im Artikel über Jungs als Opfer von sexualisierter Gewalt kam Thomas schon einmal zu Wort. Diesmal fragen Iris und ich ihn eingehend übers männliche Genital und die Tabuzonen rundum aus.


Interview Katherina Kapfhammer cc Lizenz

Was Jungs und Männer nicht über Penisgröße wissen...

Iris: Ich hab in meinem Leben fast ausschließlich Männer kennengelernt, die offensichtlich sehr schlecht sitzende Kondome getragen haben. Ich frage mich wieso das wohl so ist. Was denkst du warum? Liegt es daran, dass viele Geschäfte nur wenige Kondomgrößen führen?

 

Thomas: Das ist so ähnlich wie die Henne und Ei Diskussion – nur umgedreht: Was ist warum nicht zuerst da? Absolut aber kein Wunder - wenn keiner danach fragt!!! Kein Gedanke geht weiter als ich – will sagen: Mal angenommen, Männer würden mit dem Thema Penisgröße so entspannt umgehen können, wie zum mit anderen Gummis, bspw. dem Thema Reifengröße an ihrem Auto, was glaubst Du, wie schnell dann selbst im Baumarkt geeignete Messtools für die passende Kondomgröße hängen würden?

Die Produktlücke ist Produkt einer Kommunikationslücke ist Produkt der Angst, als Mann nicht vollwertig zu sein: Das Vorhandensein hauptsächlich nicht passender Kondome  in der Realität ist das Sichtbarwerden eines blinden Fleckes im Denken von Männern – die ja wiederum hauptsächlich Entscheidungsträger in der Industrie, in der Marktforschung, im Marketing usw. sind: 

Männer verhindern sich selbst den Zugang zu einem individualisierten Produkt, weil sie zu ihrer Individualität nicht „stehen“.

Iris: Was denkst du wie es um die Aufgeklärtheit junger Männer steht? Was sind für dich wichtige Informationen, die Männer zum Thema Sex oft nicht bekommen?

 

Thomas: In der sexuellen Bildung ist viel passiert: Innerhalb des pädagogischen Lebensraumes junge Männer wird meines Wissens weit verbreitet mit einer Haltung gearbeitet, die die Selbstbestimmtheit in den Fokus stellt. Ganz wichtige Basis für gelingende, als eigen motiviert erlebte Sexualität – also weg vom: ich kopiere, was ich sonstwo gesehen habe.

Der wichtigste Muskel für wundervoll geile und aufregende Momente mit anderen Menschen ist der Kopf – und diesen vor intimen Bildern anderer Menschen Sexualitäten zu schützen, bevor mein Kopfkino die Chance hatte, mir eigene Bilder zu inszenieren, das ist ein hoher Anspruch – und ein lohnenswertes Ziel zugleich.


Natürlich ist es immer aufregend, dem voyeuristischen Impuls zu folgen; aber wirklich spannend ist es doch erst dann, wenn zwischen meinem Sein und dem Sein der anderen Spannung entsteht, weil eine Grenze, eine Unüberwindlichkeit dazwischen liegt. Wenn ich ohne eigene vorherige Individualisierung da ran gehe, sehe ich mich nur im Vergleich, nicht im Spannungsfeld von Ich und Du  - und schon steige ich ein in ein endloses Konsumieren von Äußerem und wundere mich, warum es mich innerlich nicht sättigt.

Die wichtigste Information für Männer

in der Entwicklung ihrer sexuellen Identität ist eigentlich eine Erfahrung:

Ich bin einzigartig, ich bin gewollt, ich werde gesehen, wie ich bin

– ohne Angst vor Entwertung meiner Individualität.


 DA ist allerdings der Knackpunkt, denn je mehr wir phallisch unterbewusst überkompensieren – haha – also zu unserem Genital nicht stehen können und über diese Gegensteuerung statt eines forschen Pimmels einen Porschefimmel entwickeln, umso mehr wird diese Kompensation zu einem typischen Männerverhalten und damit zu einem Männerbild. Und schon sind wir zwar in der Schule von tollen Sexualpädagogen begleitet worden, landen aber in der Realität in einem Szenario, dass und eiskalt abprallen lässt, denn es gibt ja noch nicht mal passende Kondomegeschweige denn eine Kultur von gelingender Dialoge über Bedürftigkeit und Individualität von Männern.

Jobbeschreibung: Kondomhersteller.

Iris: Wie bist du dazu gekommen Kondome in diverseren Größen zu vertreiben? Hast du einen speziellen persönlichen Bezug zum Kondomgeschäft?


Meine berufliche Entwicklung ging vom  Reisen zum Schreinern zum Selbstversorgern zum Erziehern zum sexuell Bilden zum Täterbehandlern und jetzt zum Vertrieblern und Marketinglern.

Der rote Faden ist ein Weg vom „das macht man nicht“ und „was sollen die Nachbarn denken“ hin zum "was fühlt sich eigentlich für mich richtig an".

Es hat mich immer an Grenzen und die Ränder der Gesellschaft und Themen gezogen, da ist es spannend für mich! Mir gefiel schon immer die Eroberung von sprachlichen Brachflächen und eine partnerschaftliche und bedürfnisorientierte Beziehungsweise zu Menschen. Vor fast 10 Jahren dann habe ich DEN Kondomberater Jan Vinzenz Krause kennengelernt  - damals arbeitete ich als Hausleiter für Jugendliche in einem großen Kinderdorf - und er hatte ein super Programm entwickelt, Jugendlichen einen leichten und spaßorientierten Zugang zum Kondom ermöglichen. Da habe ich ihm gesagt: „ Ich glaube, wir können gut zusammen arbeiten.“ – und so kam es dann auch! Und heute freue ich mich sehr, dass ich mich für die Verfügbarkeit von passenden Kondomen für Jugendliche einsetzen kann, nachdem ich über Jahre tausenden von Kids zwar davon erzählen konnte, dass es sie gibt – aber nicht, wo sie sie herbekommen können!

Iris: My Size Kondome sind online zu beziehen und über Nummern statt Bewertungen wie XS oder XL zuzuordnen. Das klingt nach einer guten Lösung, auch für alle denen Kondomkäufe grundsätzlich peinlich sind. War das dein Hintergedanke?

 

Thomas: Online hat sich die Marke über die letzten 7 Jahre in 11 Ländern Europas verbreitet – im Netz ist es diskret, ich kann mich in Ruhe informieren, ich fühle mich in meiner Individualität gesehen und gewürdigt, wenn ich ein Produkt finde, dass zu mir passt – und mich nicht bewertet: GENAU, das haben wir uns dabei gedacht J Und es funktioniert offenbar!

Die Brücke in die lokale Verfügbarkeit – für Jugendliche sehr wichtig, denn Sexshop geht nicht, Online geht nicht – die bauen wir gerade. Denn ein ähnlich geschützter, Schamgrenzen wahrender Raum wie im Netz befindet sich in der Apotheke. Da treffe ich zwar jemanden persönlich, aber es ist jemand, mit dem ich ohnehin zu anderen intimen Themen immer wieder im Kontakt bin. Von daher funktioniert – gerade auch vor dem Hintergrund Pille danach – Kondomgröße als Problemlöser für gelingende Verhütung auch dort super.

Worüber Jungs reden, worüber Mädels reden...

Iris: Ich bin hauptsächlich mit Frauen befreundet und da wird durchaus sehr offen über Körper und Sexualität geredet. Von bekannten Männern höre ich immer wieder, dass Körperlichkeit in Männerrunden kaum thematisiert wird. Denkst du, dass es für Männer allgemein unangenehmer ist über Penisgrößen zu reden als für Frauen über Körbchengrößen oder Menstruationsprobleme? Und wie hängt das mit männlicher Sozialisierung zusammen?

 

Thomas: An der Größe vom Penis hängt der ganze Mann und seine Verankerung in eine gesellschaftliche Konstruktion, die sein Mannsein mit großem Schwanz identifiziert. Da mach Dich mal locker und lass die Hosen runter. Dass das Stress macht, ist klar und dass hinter jedem Penis, wenn er bewertungsbedroht ins Licht der Betrachtung gestellt wird, ein riesiger angstbesetzter Raum und dunkler Schlagschatten von Sprachlosigkeit entsteht, ist doch klar. Solange es eine vertrauensvolle Jungsbeziehung in der Kindheit gibt, gilt das noch nicht, wenn aber der darwinistisch inszenierte Wettlauf um den ersten Platz in der Leistungsgesellschaft losgeht, dann geht die selbstentfremdende und bedürfnisauslöschende „sei stark und der Größte“-Maschine los. 

Männerrunden gesetzterer Jahre, die das überlebt haben,

berichten von dieser lebensphasenlangen „Entwurzelung“ und Fehlfokussierung,

die nicht selten in Burnouts, Depressionen und kaputten Beziehungen mit sich und anderen mündet.


Katja: Ich hab kürzlich den Vlog "jungsfragen.de" entdeckt und bin ganz begeistert über die verschiedenen Beiträge und auch bestürzt darüber, wie selbstverständlich für Jungs scheinbar ihr Umgang mit dem eigenen Geschlecht ist im Gegensatz zu Mädchen. Wir reden zwar über Menstruation, aber nicht so sehr über Selbstbefriedigung.


Dinge wie "Kekswichsen" und sich gegenseitig einen runter holen - wie das auch bei den Jungsfragen gleich als erstes Thema aufgegriffen wird, sind irgendwie für Mädchen als Gesprächsthemen undenkbar. Und ich bin echt erstaunt, wie diese scheinbar selbstverständliche Präsenz eines Phallus deutlich wird, während das weibliche Genital nicht umsonst auch noch mit "die Scham" umschrieben wird. Woher kommt das bei der gleichzeitigen Unbesprechbarkeit von ersten Samenergüssen, Erektionsproblemen und Kondomgrößen?

 

Thomas: Die von Dir beschriebene Ausdrucksstärke von Jungs zum Beispiel im Netz ist eine 100%ige Bestätigung der Themenoffenheit, die ich in sexualpädagogischen Veranstaltungen mit Jungs erlebt habe. Auch dort erlebst Du eine regelrechte Flutwelle die losbricht, sobald Jungs das Gefühl bekommen, sie dürfen sich zeigen, ohne Bewertung befürchten zu müssen. Es braucht nur Gesprächskulturbotschafter für eine Haltung, die sexpositiv und entspannt Räume anbietet. Jungsfragen ist ein tolles, weil öffentliches Beispiel dafür, dass dieses Bedürfnis sich ausdrückt, sobald der Rahmen stimmt und Individualität als Wert durch eine Person verkörpert dargestellt wird.

Katja: Auf dieser Seite hier werden ja immer wieder Themen angesprochen, die unter die Überschrift "Tabu" fallen. Was außer dem bereits genannten würdest du noch als Tabuthema in Bezug auf Penisse und Jungs und Sex einstufen?

 

Thomas: Jungs haben meiner Einschätzung nach einen erschwerten Zugang zu der sexuellen Attraktivität des eigenen Geschlechtes – denn schnell wird von ihnen befürchtet, mann sei dann schwul, weil es evtl. auch anmacht, andere Penisse erregt zu sehen. Die Angst vor etwas bewirkt aber wiederum auch eine Fokussierung darauf und damit eine Ambivalenz und diese führt damit in einen Konflikt, der etwas zwischen Jungs schwer besprechbar macht – und eher in Affekte der Abwehr gegenüber homoerotischen Aspekten führt.

Die Frage, die ich dabei spannend finde wäre also: „Darf ich Jungs auch geil finden, egal ob ich schwul bin oder nicht?“  Denn damit würde mann sich ja selbst erlauben, sich geil zu finden – und das wäre ja schon mal ein Schritt weg vom lebenslangen Kampf um Anerkennung von außen!!

 

Das könnte ja auch die im umgekehrten Fall bei Frauen dialogverhindernde Frage sein; so wie Du es oben weiter beschrieben hast.

Fazit:

  • Wir brauchen flächendeckend passende Kondome
  • Gesprächskulturbotschafter wie jungsfragen.de bräuchten wir auch für Mädchen (Kathrin Sieder z.B.)
  • Wir sollten eigentlich alle lernen unser Geschlecht - ob Vulva, Penis oder Intersex - wunderbar zu finden.

Welche Fragen habt Ihr noch zu Penis, Kondom und Co.?


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Das interessiert mich besonders:

Wenn wir über Penisse reden, sprechen wir auch über...

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