Als ich einmal einen Sexworkshop besuchte. Und noch einen.

Ich bin eine Feministin, zumindest in der Theorie, theoretisch bin ich eine fantastische Feministin. Aber als Gender Studies Studentin kenne ich mich mit der Theorie besser aus als mit der Praxis. Das versuche ich zu ändern, indem ich mehr aufregende Dinge tue, nicht nur denke oder bespreche. Zum Beispiel an feministisch-tantrischen Workshops teilnehmen.


Sexworkshop © Anna Lisa Chang

Nicht, dass ich mir das speziell so ausgesucht oder organisiert hätte. Bei einem feministischen Seminar wurde, neben ganz vielen theoretischen Workshops, auch ein erotischer Dance-Workshop angeboten. Das kam mir so ungewohnt vor, dass ich es sofort probieren wollte. Ich liebe Herausforderungen, weil ich denke, dass innerhalb der eigenen comfort zone nie was wirklich Spannendes passieren kann und das wirklich Spannende aber das ist was das Leben ausmacht. Viel kann nicht schief gehen, dachte ich mir, heimgehen und mich unter der Decke verstecken bleibt ja immer noch eine Option. 

Wenn ich von solchen Erlebnissen erzähle, beginnend mit: “Damals, beim feministischen Sexworkshop…“ (und so beginne ich die Geschichten sehr häufig), wirkt das oft so, als hätte ich unglaublich viel Erfahrung mit Sexworkshops, als würde ich selbstbewusst in solche Workshops hineinstapfen und mich ohne zu zögern meines Gewandes entledigen. Aber das stimmt so ganz und gar nicht. Ich zwinge mich einfach regelmäßig was zu tun, das so richtig ungewohnt für mich ist. Und Sexworkshops finde ich wirklich, wirklich sehr herausfordernd.

Wie frei will mensch sein?

Als ich ganz neu in der Stadt war, hatte ich auch das Bedürfnis was Aufregendes zu erleben. Damals besuchte ich einen sehr experimentellen Tanzkurs, eine Art „Tanz dich frei“ Kurs, von dem ich mir sportliche Ertüchtigung, getarnt als Freestyle Tanzen, weil ich sportliche Ertüchtigung ja nicht leiden kann, erhoffte. Der Kurs war weniger auf fröhliches Gehopse als auf Swingerstimmung ausgelegt, weil Haupthema des Kurses war, die Körper anderer TeilnehmerInnen sinnlich zu begreifen. Bei einer improvisierten Frei-tanz-Einlage wählte ein junger Mann mit langem Haupthaar und wallenden Hosen mich als Tanzpartnerin und verlagerte als dominanterer Tanzpartner den Tanz auf den Boden. Als mir durch seine wallende, zartstofferne Hose sein Gemächt ins Gesicht baumelte, hatte ich dann doch genug. Ich erhob mich unter dem Vorwand aufs Klo zu gehen und kam nie wieder in den Kurs zurück.

 

Das Hauptproblem an dieser Situation war, dass ich auf so viel Körperkontakt ganz und gar nicht vorbereitet war und aus der Kursbeschreibung auch nicht hervorgegangen war, dass das dort so laufen würde. Ich wollte dort keine Erotik, ich wollte spaßiges Ausdauertraining. Bei diesem feministischen Seminar jedoch bereitete ich mich darauf vor mit erotischem Tanz, wie auch immer das aussehen würde, konfrontiert zu werden und weil nur Frauen erlaubt war mitzumachen, fühlte ich mich auch vor eventuell frei herumhängenden Gemächtern in Sicherheit. Also, beste Voraussetzungen.

Herausforderung Selbstliebe

Die anleitende Workshoplady hielt bereits am ersten Seminartag einen Vortrag zu weiblicher Lust, untermalt von jeder Menge feministischer Pornos. Ich hatte ja schon so meine Erfahrungen mit kollektivem Pornokonsum. Eine Freundin besuchte mit mir diesen Kurs und rutschte unruhig, merklich unangenehm berührt durch die teilweise recht eigenwilligen Pornos, auf ihrem Stuhl hin und her. Sie begann ein Gespräch über die Ameisenstraße vor uns, während auf der Leinwand eine Frau immer ekstatischere Töne von sich gab. Als die Seminarleiterin fragte, ob wir uns – kurz vor dem Mittagessen – noch eine Analmassage ansehen wollten, verließen wir unauffällig den Raum.

 

Meine ersten Erfahrungen mit gemeinsamem Pornoschauen hatte ich ebenfalls in einer feministischen Gruppe, ebenfalls im Rahmen eines Workshops, bei Laura Meritt, der feministischsten Sex-positive-lady überhaupt, gemacht. Der Pornoworkshop war unglaublich spannend und erhellend, Laura Meritt einfach sehr schlau und witzig, aber ich war ziemlich überfordert von der Gesamtsituation. Besonders als sie erwähnte, wie toll sie es, ganz im Sinne von Diversity, fände, dass sie in ihren Workshops sähe, dass nur noch die Hälfte der Teilnehmerinnen gänzlich intimrasiert seien, bekam ich Herzrasen. „Wir werden uns doch nicht ausziehen müssen?“ nuschelte ich bang meiner begleitenden Freundin zu. Das mussten wir nicht.

 

Wir schauten uns stattdessen eine umfassende Auswahl feministischer Pornos an, ästhetisch schwarz-weiße, lustige, queere, künstlerisch wertvolle, trashige, allesamt interessant. Trotzdem kam ich mir ein kleines bisschen verklemmt vor, zwischen all den Menschen, die die Pornos schon lange kannten, inhaltlich besprachen und in den Startlöchern scharrten selbst queer-feministische Pornos zu drehen. Still im Halbkreis sitzen und interessiert weibliche Ejakulation betrachten, das war für ein verklemmtes Hühnchen wie mich ziemlich unentspannt. Aber eben auch eine willkommene Herausforderung und weil ich dorthin nicht allein gegangen war, auch ziemlich lustig. 


Let's do erotic trance dance

Seit diesem Pornoworkshop sind wieder ein paar Jahre vergangen und ich, älter und weiser, hielt mich nun für erwachsen genug es nochmal mit Sexworkshops zu probieren, ganz entspannt, nur unter Frauen* und mit der Möglichkeit jederzeit zu gehen.

 

Der Workshop fand am letzten Seminartag statt, das sichere Bett daheim war also als Plan B fast schon greifbar. Nicht, dass ich darauf spekuliert hätte, ich bin ja keine Aufgeberin. Die Gruppe war eine kleine, nur etwa sechs Frauen insgesamt, zusammen mit der Workshoplady, die den erotischen Tanz anleitete. Alle anderen fünf Frauen kamen mir durchwegs normal vor, niemand schaute danach aus mir unvermittelt irgendwelche Körperpartien aufzudrängen. Zur Vorbereitung schauten wir uns Filmmaterial an, eine Menge Filmmaterial. Das Tanzen sollte uns als sanfte Einstiegsvariante in die „Sexological bodywork“ dienen, bei der es, wenn ich das richtig verstanden habe, viel um Selbstliebe, also Masturbation, geht. Das, so erklärte uns die Workshoplady, sei deshalb so wichtig, weil wir alle gesellschaftlich gezwungen werden unsere Sexualität zu unterdrücken und sich kaum jemand bereits als Jugendliche oder Jugendlicher so richtig, ohne Schuldgefühle, traut  die eigene Sexualität zu entdecken. Das soll in der Sexological bodywork nachgeholt werden, die Menschen sollen ermutigt werden sich selbst liebevoll zu berühren.

 

Nach der Theorie ging es an die Praxis. Ich war aufgeregt. Sehr aufgeregt. In der kurzen Pause zwischen den Filmen, die zeigten wie das was wir vor hatten so ungefähr laufen könnte, und dem praktischen Einstieg ins Tanzen, war ich dermaßen aufgeregt, dass ich die gesamten zehn Pausenminuten hindurch hoch und schrill kicherte. Die Situation erschien mir so schräg. Die Filme zeigten eine Gruppe von Menschen, die sich völlig selbstvergessen in Trance tanzten und sich dabei hurtig auszogen und sogleich umfassend selbst berührten. Alle nackt. Alle tanzend. Das ist keine alltägliche Situation, da muss ein bisschen Kichern drin sein.

 

Erstaunlicherweise funktionierte das in-Trance-tanzen tatsächlich. Ziemlich gut sogar. „Dance like nobody is watching“, das war mein Motto, und ich war wirklich erstaunt wie gut es funktionierte. Ausziehen und selbst berühren eingebettet in den Gruppentanz von einer halben Stunde, das schien mir zu fortgeschritten für mich zu sein, das schaffte aber auch nur unsere Workshoplady. Ich war schon ziemlich zufrieden mit dem Trance-Tanzen und dass ich nicht peinlich berührt war, wenn andere sich auszogen. Allerdings fielen nicht besonders viele Kleidungsstücke, weil es recht kühl war und vielleicht auch, weil wir das alle zum allerersten Mal probierten. Die Stimmung war wirklich ganz und gar friedlich und alle waren in ihren eigenen Tanz versunken. Eigentlich fühlte es sich ein bisschen an wie eine tanzende Phantasiereise. Nur ein bisschen nackter und verrückter. Raus aus der comfort zone, rein ins..ähm..Abenteuer!

 



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© Katja Grach - Nackt unter Fremden