Irgendwas mit Sex. Und Tantra.

Als ich Noras Blog entdeckt hab, konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. So spannend und ehrlich sind die Einsichten in ihr Leben. Und jetzt hat sie mir gar einen Gastbeitrag über ihre Ausbildung zur Tantra-Masseurin geschrieben. Berührend. Im wahrsten Sinne des Wortes.


Irgendwas mit Sex. Und Tantra © Anna Lisa Chang

Ich liebe meine Arbeit. Ich bin froh, das sagen zu können, denn ich musste Mitte vierzig werden, bis ich herausgefunden habe, was mich wirklich glücklich macht: Menschen zu berühren.

 

Im Hochsommer bin ich mit dem ICE quer durch Deutschland gefahren und nachdem wegen der Hitze erst ein Notarzteinsatz und dann ein starkes Gewitter meine Fahrt verzögert hatten, war es nach Mitternacht und ich erreichte den letzten Anschlusszug, der mich an diesem Tag zu meinem Zielort hätte bringen können, nicht mehr. Wie ich feststellen durfte, finanziert die Bahn ihren Fahrgästen in solchen Fällen eine Fahrt mit dem Taxi.


Kurz darauf saß ich also in einem elfenbeinfarbenen Mercedes, neben mir ein leicht genervter Fahrer, im Fond ein junger Marinesoldat, dessen Kaserne keineswegs auf meiner Route lag und im Kofferraum mein großer schwarzer Koffer. „Wohin soll es denn gehen?“ fragte der Fahrer mich im unverkennbaren Jargon der Hafenquartiere. Ich nannte den Namen des abgelegenen Seminarhauses und nachdem sein Navi die Adresse gefunden und ich ihm den Gefallen getan hatte, die Blitzer-App auf meinem Handy zu aktivieren, entspannte sich die Stimmung etwas. „Was wird denn da geboten?“ wollte er wissen. Vor uns lag eine lange Fahrt über Landstraßen, er war müde und konnte Unterhaltung gebrauchen, das leuchtete mir ein. „Ich fahre zu einem Massageseminar“ antwortete ich betont kühl und überlegte, wie ich das Thema wechseln könnte. Schließlich war es Nacht und ich saß mit zwei fremden Männern in einem fremden Auto. Aber ich war erschöpft von der langen Fahrt und der Hitze. Mir fiel nichts ein und im Lügen bin ich schlecht.


„Ah, Sie wollen Massage lernen?“ hakte er nach. Sein Ton war nicht unfreundlich, verriet aber deutlich, was er von derlei Zeitvertreib hielt. „Nein, ich assistiere bei der Ausbildung“ sagte ich mit kalkulierter Arroganz und hoffte, ihn damit ausreichend einzuschüchtern, um weitere Nachfragen zu unterbinden. Verstohlen warf ich einen Blick auf die Rückbank und sah, dass mein Mitreisender mit dem Kopf auf seinem Seesack eingeschlafen war. Immerhin hatte ich jetzt nur noch einen Zuhörer. Den Taxifahrer schienen meine ausweichenden Antworten anzuspornen, es klang fast provokant, als er fragte: „Sie sind Physiotherapeutin?“ Plötzlich musste ich lachen. Die Situation war einfach zu komisch. Ich entschied mich einmal mehr, einfach die Wahrheit zu sagen und antwortete: „Nein, ich bin Tantramasseurin.“


Er reagierte, wie bisher jeder reagiert hat, dem ich von meinem neuen Beruf erzähle: Erst mit nervösem Lachen, dann mit gespanntem Schweigen, schließlich mit echtem Interesse und offenherzigen Fragen. Es wurde eine sehr kurzweilige Fahrt und als er zwei Stunden später meinen schweren Koffer auf dem gepflasterten Hof des Seminarhauses auslud, verabschiedete er sich mit Handschlag und bedankte sich bei mir. Ich hatte ihn berührt.

Das T-Wort

Ich habe noch nicht viele professionelle Massagen gegeben, weil ich noch nicht die passenden Rahmenbedingungen habe, um diese Tätigkeit mit meinem Familienleben zu vereinbaren. Ich suche nach eigenen Räum und ich bin dabei, mich auf die Arbeit mit Frauen zu spezialisieren. Dafür gibt es so schöne Namen wie „Perlentor“, „Rosenblütenmassage“ oder „Schossraumheilung“. Das einzige Wort, das wir im deutschsprachigen Raum auf jeden Fall meiden sollten, sagte meine Ausbilderin kürzlich, sei das Wort „Tantramassage“.

Mich macht das traurig und wütend, aber wahrscheinlich werde auch ich diesen Rat beherzigen. So wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen, die ihre wunderbare Arbeit mit mehr oder weniger blumigen Formulierungen umschreiben, damit Google dieses Wort, das ihre Haltung von tief empfundenem Respekt und wertungsfreier Annahme von allem Menschlichen ausdrückt, nicht aus ihrer Homepage filtert: „Tantra“. Denn die Realität ist, dass die „Tantramassage“ nicht geschützt ist und sich unter diesem Suchbegriff von der halbstündigen Erotikmassage bis zur mehrstündigen, tiefgreifenden, prozessorientierten Körperarbeit ein breit gefächertes Angebot finden lässt, das den Laien überfordert.

Den Mainstream dominiert wohl eher die Assoziation von Schummerlicht, Räucherstäbchen und Gleitgel. Wenn ich Freunde und Bekannte frage, was sie über Tantra wissen, ist die Standardantwort: „Das ist irgendwas mit Sex.“ Nur 7% der tantrischen Schriften befassen sich mit Sexualität, aber das Besondere an dieser religiösen Richtung ist in der Tat, dass diese als integraler Bestandteil der menschlichen Existenz betrachtet, geehrt und kultiviert wird. Also in etwa so, wie ein kleines Kind natürlicherweise mit seinen Geschlechtsteilen umgeht: Es berührt sie, weil sie zu seinem Körper gehören, weil sie sich gut anfühlen und das Lebensgefühl steigern. Nicht mehr und nicht weniger. Da gibt es kein „Iih, das ist eklig!“ und kein „Wow, bin ich kinky!“, kein „Das gehört sich nicht!“ und kein „Die anderen können/ fühlen/ haben bestimmt mehr, ich bin irgendwie falsch!“. 

Tantra öffnet einen Raum für Sexualität

jenseits von anerzogenen Normen und pornomäßigem Leistungsdruck

und dieser Raum ist mir heilig geworden. 


Von der Selbstliebe zur Selbstfindung

Meine Ehe ist unter anderem daran gescheitert, dass wir diesen Raum nicht gefunden haben. Wir entfernten uns immer mehr voneinander und pendelten uns irgendwann beim kleinsten gemeinsamen Nenner ein, der formal die Anforderungen eines geregelten Geschlechtsverkehrs erfüllte, aber mit echter Intimität und Begegnung nichts mehr zu tun hatte. Ich fühlte mich taub und leer und flüchtete ins innere Exil, er verbrachte die Nächte vor dem Computer. Nachdem ich (erfolglos) versucht hatte, bei einem anderen etwas von meinem früheren Körpergefühl wiederzufinden und mein Mann dies herausgefunden hatte, kamen die Karten auf den Tisch. Er erzählte von seiner Pornosucht, der Jagd auf bewegte Bilder, auf immer stärkere Reize, die er schon lange nicht mehr kontrollieren konnte, obwohl er sich selber dafür hasste und sich ausgezehrt und überreizt fühlte. Ich war gleichzeitig angewidert und zutiefst verunsichert und zog mich komplett von ihm zurück. Ich fühlte mich in dem bestätigt, was ich schon lange insgeheim befürchtet hatte: Ich war nicht mehr schön, ich war nicht mehr begehrenswert, ich war sexuell uninteressant und als Frau einfach nur noch langweilig, gerade gut genug für Kinder und Küche.

Nähe oder gar Körperkontakt konnte ich nicht mehr ertragen. Ich reichte ihm am Esstisch den Teller so, dass unsere Hände sich nicht berührten und suchte mir einen eigenen Schlafplatz im Haus. Statt abends mit ihm vor dem Fernsehen zu sitzen, las ich Bücher über Sexualität und experimentierte mit sexueller Selbstliebe. Ich stellte fest, dass meine Vagina keineswegs taub war, sondern offenbar durch die Geburten und das Älterwerden noch viel empfindungsreicher und lebendiger als je zuvor. Das war toll, ein großes Geschenk und ich entwickelte einen neuen Stolz auf mich und meinen Körper. Doch oft liefen mir nach einem besonders schönen Orgasmus die Tränen runter, denn ich sehnte mich mir so sehr danach, von jemandem gesehen zu werden. Damit meine ich nicht den geilen Blick, mit dem man sich im Porno anguckt, wie eine Frau es sich selbst macht. Mein Wunsch war, so gesehen werden, wie ich wirklich bin.


Letzte Woche ging dieser Wunsch bei einem Seminar meiner neuen Ausbildung in Frauenmassage und Sexualcoaching für Frauen in Erfüllung. Wir sollten mit unserer Partnerin ein Selbstlieberitual mit „Whitnessing“ üben. Das heißt, die eine Frau hatte 45 Minuten Zeit, sich mittels einer bestimmten Atmung und den Stimulationstechniken ihrer Wahl selbst in einen wellenförmig ansteigenden Erregungszustand zu bringen und die Energie dann zu entladen, während die andere einfach nur als Zeugin neben ihr saß. Genau wie alle anderen war ich überzeugt, dass ich in einem Raum mit zwanzig Frauen, zur Geräuschkulisse batteriebetriebener Toys und unter der Aufsicht eines Schwarms von Assistentinnen in jeden anderen Zustand kommen würde als in den der Erregung, geschweige denn dass ich mehrere Wellen davon aufbauen und mich einem Orgasmus auch nur auf Sichtweite nähern würde. Das Gegenteil war der Fall: Ich fühlte mich weder beobachtet noch gestört, sondern absolut frei und gleichzeitig geborgen und sicher inmitten dem Stöhnen, Schreien, Seufzen und Summen um mich herum. Ich spürte die anderen und ich spürte mich, Atem, Stimme und Bewegungen, alles was ich gelernt hatte, floss wie von selbst und ich erlebte meinen intensivsten selfmade-Orgasmus aller Zeiten. Als ich, noch etwas benommen, die Augen wieder öffnete, schaute meine Partnerin mich an. Ihr Blick war so weich und offen wie meiner und ich kann nicht beschreiben, wie glücklich es mich gemacht hat, dass ich mich ihr so zeigen konnte und dass sie mich so gesehen hat. 

Und was ist nun mit dem Sex?

Meine Ausbildung hat mich sehr verändert. Mein Wertesystem hat sich verschoben und meine Grenzen ebenfalls. Während ich gelernt habe, Männer zu massieren, habe ich mich ihnen aus der sicheren Distanz der Professionalität wieder angenähert, Schritt für Schritt. Am Anfang muss ich beim Vorgespräch ausgesehen haben wie eine Chefsekretärin, die Beine übergeschlagen und den Schreibblock auf den Knien. Ich hatte Vorurteile und war voller Misstrauen. Doch dann habe ich Männer erlebt, die mir von ihren Ängsten, Unsicherheiten und Wünschen erzählt haben, die zu weinen anfingen, sobald ich zu Beginn des Rituales ihre Hand in meinen Händen hielt, die mir später schrieben, dass diese Erfahrung ein Wendepunkt in ihrem Leben gewesen sei. Inzwischen spielt es für mich keine Rolle mehr, dass sie nackt sind und dass ich nackt bin, es machte für mich keinen Unterschied mehr, ob ich ihren Rücken, ihren Intimbereich oder ihren Anus massiere, denn sie haben dieselbe Sehnsucht nach Berührung und wollen genau so gesehen werden wie ich.


Was meinen privaten Kontakt zu Männern betrifft, wage ich mich nach dreieinhalb annähernd sexfreien Jahren langsam aus meinem Schneckenhaus. Es war gut, eine Pause zu machen, alles auf „Reset“ zu setzen und ganz von vorne anzufangen: Bei mir. Weil ich Tantramassagen gebe und bei Ausbildungsseminaren assistiere, denken viele, ich sei eine Art Sexgöttin, jedenfalls aber eine Expertin und gelegentlich werde ich nach ein paar Gläsern Wein hinter vorgehaltener Hand nach tantrischen Sex-Tipps gefragt. Es tut mir leid, aber ich habe keine Tipps. Ich habe eine Massageausbildung mit spirituellem Hintergrund gemacht, sexuelle Interaktion war nicht Bestandteil des Curriculums. Wie sich meine Sexualität seitdem verändert hat, kann ich noch nicht sagen. Ich hatte seit Beginn der Ausbildung erst dreimal Sex. Ich würde sagen, ich weiß genauer, was ich will und ich sorge besser für mich. Und das heißt eben, dass ich im Zweifelsfall lieber keinen Sex habe.


Wow. Und jetzt, was schwirrt in euren Köpfen?


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