Soulsex. Sex ist nicht das Problem... - Teil 1

Es gibt ja genug Bücher, die sich damit befassen, wie unser Sex besser werden sollte. Eva-Maria Zurhorst meint, er sollte überhaupt anders werden und zur Problemlösung dienen. Weil Sex halt Kommunikation ist und darin viele unserer Ängste zum Vorschein kommen. Damit sind allerdings nicht Problemzonen und kleine Penisse gemeint, sondern frühe Bindungserfahrung, die unsre Sexualität prägen. Sie schreibt vom sogenannten "Soulsex" und der soll ohne das Ziel Orgasmus ablaufen. Das gleichnamige Buch dazu hab ich gelesen. Und ausprobiert hab ich's auch. So, jetzt schreib ich auch noch über mein eigenes Sexleben. Na bravo, so war das eigentlich nicht gedacht. Und eine Rezension des Buches gibt's nebenbei. Weil das so ausschweifend ist/wird, machen wir das aber in zwei Teilen...


Soulsex - Sex ist nicht das Problem
© Anna Lisa Chang

Wir haben da eine etwas durchwachsene Beziehung...

Seit ich mal ein sehr kritisches  Mail an Frau Zurhorst wegen ihrem Ratgeber Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest verfasst habe, bekomme ich immer ihren Newsletter. Vielleicht als Strafe. Jetzt fragt ihr euch, was ich den kritisiert habe…nun ja, ich fand den Ratgeber prinzipiell ganz hilfreich und gut – vor allem, weil ich mich damals gerade erst von einer sehr langen Beziehung verabschiedet hatte und es mir ziemlich dabei geholfen hat, meine eigenen Verhaltenssmuster, die ich auch in die neue Beziehung mitreingetragen habe, zu entlarven und – um es auf den Punkt zu bringen: meinen eigenen Sch…ß auf die Reihe zu kriegen.

Die Männer so, die Frauen so...

Was mir aber ganz und gar nicht gefallen hat, war das ewige Männlein-Weiblein-Gedüdel. Hielt ich für eine heterosexuelle Partnerschaft abseits von klassischer Rollenverteilung blöd und für eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft sowieso. Das hab ich ihr auch geschrieben. Bekam sogar eine Antwort darauf, eine nette. Ich bin nämlich ein Fan davon, gleich klipp und klar zu machen bei so 'nem Ratgeber, dass der eben nicht für alle ist. Ist er nämlich nicht. Ich finde, das darf mensch sagen. Nun, so bekomme ich also regelmäßig diesen Newsletter und les ihn selten bis nie, bis die Betreffzeile  „Soulsex“ daherkam. Klingt spannend, passt zum Blog – und schon hatte ich ein Rezensionsexemplar in Händen.  Und dann schlag ich es auf und als erster Satz im ersten Kapitel steht:

„Eins vorweg: Ich werde in diesem Buch für manch einen vielleicht zu eindimensional von Frauen und Männern erzählen, werde den klassischen Rollenbildern entsprechend uns Frauen das eine zuschreiben und den Männern das andere. Dies tue ich aus dem einfachen Grund, weil es noch immer der Realität meines Arbeitsalltags entspricht.“

Na bumm, da schau ich aber. Ich bilde mir jetzt einfach ein, sie hat diesen Absatz wegen mir geschrieben J Aber schön wär auch, wenn sich andere beschwert hätten. Allerdings folgt dann wenig später „In manchen Beziehungen steht der Mann auf dem weiblichen Pol und die Frau auf dem männlichen, in anderen Beziehungen wechseln die Positionen im Laufe der Zeit.“…äh, okay. Ich bin da ja nicht so ein Fan davon und denke grad mal an Ellen DeGeneres nettes Sprüchlein:

"Bei einer gleichgeschlechtlichen Beziehung zu fragen,

wer ist der Mann und wer die Frau, ist ungefähr so, als würde man fragen, welches der zwei Ess-Stäbchen die Gabel ist."

...und dazu ein bisschen Feministinnen-Bashing

Sie meint auch, wenn mich bestimmte Worte abstoßen oder einengen, dann soll ich einfach drüberlesen und das Geschriebene in einen Kontext nehmen, in dem ich es gut nehmen kann. Hm, gegen Reflexion und so hab ich nix, aber Macht der Sprache usw. Sprache erzeugt Bilder im Kopf… naja, da müssen die Eva-Maria und ich wohl noch auf einen Kaffee gehen, denke ich.

 

Dann schimpft sie noch ein paar mal auf Feministinnen von wegen, die würden keine Männer mögen und wirft ein „frustrierte Feministinnen“-Sätzchen in die Runde.

 

Liebe Frau Zurhorst: Sexualisierte und häusliche Gewalt sind mehr als frustrierend, das ganze Jahr über wird uns kommuniziert, dass unsere weiblichen Körper nicht schön genug sind und auf den Müttern hacken sowieso alle rum. Ja sollen wir da nicht frustriert sein? Und wütend?

 

Und was hat das jetzt bitte mit meinem Sexleben zu tun?

 

Für ein persönliches Gespräch stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. (Ohne Feminismus dürften Sie dieses Buch nicht mal schreiben. Aber bitte.)

 

 

Gut, ich bemühe mich das mal zu überlesen und in den Kontext der Hauptzielgruppe zu setzen, die scheinbar nicht Anfang 30 und feministisch angehaucht ist. 

Was können wir von "Soulsex" dennoch lernen?

Ich muss zugeben, die ersten fast 100 Seiten habe ich schnell durchgeblättert. Ich musste nicht von der Sinnhaftigkeit eines neuen und anderen Sex überzeugt werden, ich wollte einfach endlich zur Sache kommen. Das war mir zu viel und zu lange Einführung. Mitnehmen konnte ich allerdings folgende Dinge, die für ein erfülltes und respektvolles Sexleben schädlich sein sollen/können:

  • Auch von Zurhorst das Zugeständnis einer frauenfeindlichen Atmosphäre, in der Männer nur mehr sexuelle Eroberungen vergleichen und Frauen Objektstatus haben und sonst nix
  • Den Begriff „Linkswichser“, der nach Ann-Marlene Henning junge Männer beschreibt, die es vor allem gewohnt sind am Computer zu masturbieren und mit der rechten Hand die Maus zu bedienen, um beim Porno weiter zu klicken.

Empfindungen können verlernt werden

Ständiges Masturbieren in jungen Jahren hätte nach der "Linkswichser"-Theorie eine besonders schwerwiegende Folge: Weil der Penis sich so ans schnelle und feste Rubbeln gewöhne, wüsste dieser nicht mehr, wann er sich einfach weniger zielorientiert in einer Vagina ausdehnen kann. Weil er den heftigen Druck gewöhnt ist, fehlt ihm dieser beim Geschlechtsverkehr, um zum Orgasmus zu kommen.

 

Das soll nun nicht heißen, dass Selbstbefriedigung schlecht ist, aber wenn Pornos in einem viel höheren Ausmaß konsumiert werden, als das vor dem freien Zugang via Internet der Fall war und vermutlich dadurch auch häufiger Sexualität nur mit sich selbst gelebt wird, dann verlerne dies der Körper – was zu reihenweise frustrierten Männern in der Beratung führe. Beim Geschlechtsverkehr warten diese dann vergeblich auf den Druck, der bei der Masturbation erzeugt wird.

Frühkindliche Erfahrungen prägen die Sexualität

Was wir in Zeiten der Prägung nicht erfahren haben,

kennt unser inneres System nicht.

Das können wir weder mit anderen teilen noch ungehemmt empfangen,

egal wie sehr wir es brauchen. […]

Beim Sex von heute läuft unterschwellig das Programm von früher.


Was mir an Soulsex gefällt, ist der Bezug auf Beziehungen, und zwar solche, die unser Leben prägen. Eh klar, es sind wieder die Eltern schuld. Aber echt jetzt, der Umgang mit Konflikten in einer Familie hat auch einen Einfluss darauf, wie wir anderswo kommunizieren. Sexualität ist schließlich auch Kommunikation.


Eva-Maria Zurhorst gibt ein Beispiel aus ihrem privaten Bereich. Ihre Mutter hatte ihr immer wieder bei Streit gedroht, nicht mehr ihre Mutter zu sein.  Danach herrschte tagelang Schweigen. Als Kind wurde sie von ihrer Verlustangst regelrecht aufgefressen. Als Erwachsene konnte sie zwar diese Liebesentzug-Pädagogik verstehen, aber das Schweigen und Gehen von jemanden in einer Konfliktsituation war für sie noch immer die pure Folter.


Da ihr Mann allerdings in seiner Kindheit gelernt hatte, dass Schweigen und Rückzug in Konfliktsituationen hilft, kann mensch sich ausmalen, was das für eine Liebesbeziehung heißt. Diese Altlast drückt sich nämlich auch auf körperlicher Ebene im Bett aus. Bei ihnen führte das  wenn sie nicht beide vor den unangenehmen Empfindungen wegliefen – zu extremen Spannungen, Unruhe, Erstarren, Taubwerden usw.


Zurhorst bringt auch das Beispiel eines Marathonläufers, der als Säugling wegen eines Problems mit dem Skelett für Monate auf ein Streckbrett geschnallt wurde. Das war die Hölle für ihn. Als er laufen lernte, fühlte sich das wie ein Befreiungsschlag an, er wollte sich nur mehr bewegen. Umarmungen lösten klaustrophobische Zustände in ihm aus. Im Moment ankommen hatte er nie gelernt. Die Erfahrung von sicherer körperlicher Nähe hatte er nie gemacht. Wie der Sex aussah, kann mensch sich gut vorstellen. Der Körper hatte sich dieses frühkindliche Trauma der Erstarrung gemerkt, das enormen Einfluss auf sein Beziehungs- und Sexleben hatte. 

„Den meisten Menschen ist dieser Zusammenhang nicht bewusst.

Sie glauben schlicht, sie hätten diese oder jene Neigung, fänden dieses oder jenes antörnend oder wären einfach nur mit dem Sex durch.

 

In Wahrheit führen wir alle mehr oder minder neurotisch, unbewusst und reaktiv unsere Vergangenheit fort, ohne zu wissen, was wirklich erfüllt

und was zu uns gehört.“

Und an diesem Punkt wird das Buch für mich spannend. Zurhorst bringt zahlreiche Beispiele aus der Beratungspraxis, was sich wie auf das Sexleben auswirken kann. Sie spricht sowohl über sexualisierte Gewalt, über Fehlgeburten, Abtreibungen oder auch Geburt, über Trennungserfahrungen uvm. Es ist wahnsinnig spannend und auch ein großes Aha, was alles Einfluss auf unser Sexualleben hat. Und es hilft auch dabei zu erkennen, dass unser Körper nicht im luftleeren Raum besteht, den wir einfach mit unserem Denken lenken könnten. Oder nur mit dem Denken. (Einen Artikel, in dem der Zusammenhang von sexuellen Empfindungen und dem Geburtserlebnis deutlich wird, findet ihr übrigens hier.)

Im Sex kann jede Menge Trauma stecken...

Unser Gehirn besteht aus 3 Teilen  - dem Neokortex, dem limbischen System und dem Stammhirn. Das Stammhirn wird auch Reptiliengehirn genannt und ist für körperliche Empfindungen zuständig (Hitze, Druck, Kloß im Hals, Kribbeln im Bauch, usw.). Wenn wir in Gefahr geraten – z.B . in einer traumatischen Situation, dann reagiert als erstes mal unser Reptiliengehirn und versorgt uns mit Adrenalin, Herzrasen, viel Blut in den Gliedmaßen und und und. Dieser Energie, die da frei wird können wir in Flucht und Angriff umsetzen – oder wir erstarren, wenn sonst nix geht. Die Energie wird gespeichert. Unser Nervensystem legt das irgendwo ab im Körpergedächtnis.

 

Wird diese Stresssituation nicht abgebaut, kommt die immer wiedermal hervor – auch nach Jahren – wenn wir in ähnliche Situationen kommen. Das meint Zurhorst z.B. bei den Konfliktsituationen. Worte wie Trauma, Dissoziation und flashbacks schreibt sie selten bis gar nicht aus in Soulsex, aber sie spricht genau darüber. Menschen, die sich nicht viel bewegen können (Säuglinge, körperbehinderte Menschen) sind z.B. besonders gefährdet, Traumata zu entwickeln, weil ihnen aus physischer Sicht nur das Erstarren bleibt. So hat sich auch die Erfahrung des Marathonläufers massiv in seinen Körper eingeschrieben. (Mehr zum Thema Traumatisierungen könnt ihr übrigens hier lesen.)

Wie viel Angst und Scham steckt schon im Thema Aufklärung?

Gleichermaßen führt Zurhorst an, dass auch unser Umgang mit Sexualität, und was wir jungen Menschen diesbezüglich mitgeben auf ihren Weg, einen großen Einfluss darauf hat, wie sie sich wahrnehmen, wie sie Sexualität wahrnehmen.

 

Gerade Mädchen wird viel Angst gemacht in Bezug auf Schwangerschaft und Schmerzen. Ein wirklich entspanntes erstes Mal ist da kaum möglich. Gleichzeitig kommt noch das Gefühl dazu, nicht begehrenswert genug zu sein, den physischen Ansprüchen nicht zu genügen.

 

Auch den Jungs geht es da nicht viel besser. Durch die ständig verfügbare Pornografie entsteht nochmal mehr der Druck, alles richtig zu machen und es „zu bringen“. Insofern ist eine gute Aufklärung und ein positiver Umgang mit Sexualität enorm wichtig. (Auch dazu findet ihr hier am Blog einige Beiträge und für alle Newsletter-AbonnentInnen gibt's ein kostenloses 70seitiges eBook dazu.

Sex ist Kommunikation

„Kein gesprochenes Wort kann uns so tief berühren, keine Unterhaltung für solche Nähe sorgen oder uns so sehr verstören wie eine sexuelle Begegnung.“

Viele Frauen in Heterobeziehungen kennen das vermutlich, dass mensch irgendwann einfach gar keine Lust mehr hat auf Sex, weil einer einfach alles stinkt. Weil das mit der Aufteilung der Haushaltsaufgaben nicht funktioniert, weil die Kinder anstrengend sind, weil dieser oder jene Konflikt noch nicht gelöst ist, und dann will der Partner auch noch Sex. 


Viele Männer kennen das vermutlich, dass sie nie gelernt haben, dass es ok ist über Gefühle zu sprechen, dass es besser ist, Dinge mit sich selber auszumachen, und dass Kuscheln ohne nachfolgenden Sex quasi unsinnig ist. Sex ist oft die einzig akzeptable Form von Zuneigung, die sie gelernt haben. Weil alles andere für Schwächlinge ist.

Ich glaube nicht, dass sich Männer grundsätzlich dafür entscheiden, aber ich denke, dass ist das, was viele unterschwellig lernen. Im Angesicht der maximalen Distanz wollen sie dann (natürlich) noch immer Sex mit der Partnerin. Das Nähebedürfnis besteht ja nach wie vor.


Und sie denkt sich: WTF? Im Ernst? Jetzt willst du auch noch Sex?

„Die wichtigste Funktion von Sex ist Kommunikation, und gleichzeitig ist es auch die Funktion des Sex, für die wir am wenigsten Bewusstsein haben. […]

Die Sexuelle Begegnung hilft uns, unser Grundbedürfnis von Angenommensein und Zugehörigkeit zu erfüllen.“

Über dieses Problem schreibt auch Eva-Maria Zurhorst. Und sie meint: Sex ist aber die Lösung. Aber nicht der Sex mit rein-raus, wie die meisten von uns ihn gut kennen, der Sex mit Orgasmus und Stellungswechsel. Denn auch, wenn wir uns gefühlstaub vorkommen und der Körper dicht macht, wir auch ungewollt auf Durchzug beim Sex schalten und die Einkaufsliste durchgehen – genau in dem Moment könnten wir das Dilemma eigentlich lösen, wenn WIR FRAUEN dableiben würden und uns nicht ausklinken.

 

Und wie das dann weiter geht mit der Problemlösung durch Sex, und welche Erfahrungen ich damit gemacht habe, könnt ihr im nächsten Teil lesen. :-) 


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