Väter, Töchter und die Pubertät

Wenn ich an  Väter mit Töchtern denke, blitzen Curly Sue und 3 Männer und ein Baby in meinem Kopf auf. Jochen König geht die Sache doch reichlich anders an. Mit dem Modell der Co-Elternschaft wirft er schon mal einige Vorstellungen von Familie über den Haufen. Denn statt "Mama, Papa, Kind" heißt es bei ihm: "Mama, Mama, Mama, Papa, Kind, Kind". Und dann ist er noch nicht mal mit den Müttern in einer Liebesbeziehung und leistet "trotzdem" einen erheblichen Teil Elternarbeit mehr als die meisten anderen Väter.

 

Weil ich in diesem Herbst hier gerne in paar Sichtweisen auf Pubertät werfen möchte, hab ich ihn eingeladen über seine Vorstellungen zu dieser herausfordernden Zeit zu schreiben. Gute Unterhaltung!


Töchter, Väter und die Pubertät, Jochen König

Hin und wieder ertappe ich mich bei verklärten, idealisierten Gedanken an Vergangenheit und Zukunft meines Eltern-Daseins. Ich erinnere mich wesentlich häufiger an die schönen Momente meiner Elternzeit und blende mein Gefühl der Überforderung in der Zeit alleine mit Baby gerne aus. In der Zukunft sehe ich mich mit meinen Kindern, Enkel_innen, den jeweiligen Freund_innen und allen, die wir sonst im Laufe der Zeit noch in unsere Familie aufgenommen haben, um einen Tisch sitzen. Und selbst in Bezug auf die Pubertät meiner Töchter habe ich eine romantisch verklärte Vorstellung parat. In dieser Vorstellung sitzen meine Töchter bzw. jeweils nur eine von ihnen gepeinigt von in dem Alter unvermeidlichem Liebeskummer auf unserem Wohnzimmersofa. Wir schauen zusammen einen ganzen Sonntag nur fern. Vielleicht koche ich zwischendurch unser gemeinsames Lieblingsgericht: vegetarische Schinkennudeln. Ansonsten sind wir in diesem Moment einfach nur zusammen da. Ohne dass mir meine Töchter erklären müssen, worum es geht. Und ohne dass sie sich bei mir für ihr Verhalten rechtfertigen müssen.

 

Meine große Tochter ist gerade 6 Jahre alt. Es ist also noch etwas Zeit. Auch wenn es mir manchmal so vorkommt, als sei sie schon mitten in der Pubertät. Oder ich noch nicht raus. Gefühle, die durcheinander kommen. Autonomiebestrebungen. Kämpfe um Nähe und Distanz. Das alles gehört seit Jahren zu unserem Familienalltag. Und dennoch lohnt es, sich jetzt schon Gedanken darüber zu machen, was in den nächsten zehn Jahren noch alles kommen kann. Vielleicht ist es sogar essentiell, vorher etwas genauer darüber nachzudenken, um nicht ungewollt in irgendwelche klassischen Verhaltensmuster zu rutschen, die man eigentlich gerne vermeiden möchte.

 

Die Väter-Töchter-Beziehung ist mit unglaublicher Bedeutung aufgeladen. „Der erste Mann im Leben einer Frau.“ Ich habe mir vorgenommen, mich selbst als Vater nicht so wichtig zu nehmen. Ja, ich bin eine wichtige Person im Leben meiner Töchter. Das liegt aber viel mehr daran, dass beide von Geburt an sehr viel Zeit mit mir verbracht haben und weniger an meinem Geschlecht.

 

Es scheint eine gängige Phantasie von Töchter-Vätern zu sein, irgendwann den vermeintlichen Liebhaber der Tochter heldenhaft in die Flucht zu schlagen, um die Unschuld der Tochter oder was auch immer zu retten. Ich möchte auf keinen Fall die Liebe und/oder Sexualität meiner Töchter kontrollieren. Und ich möchte auch nicht humorvoll damit kokettieren. Wenn ich meinen Töchtern vermitteln möchte, dass kein Mann ihnen vorzuschreiben hat, wie, wann, wo und wen sie zu lieben haben, muss ich mich als allererstes selbst raushalten.

 

Raushalten bedeutet in dem Fall nicht, dass ich mit meinen Töchtern nicht über Sexualität spreche. Es wird zwischen uns keinen Punkt geben, an dem ich mich plötzlich mit ihnen darüber unterhalten möchte. Es wird keinen bestimmten Moment geben, an dem irgendwann „das“ Aufklärungsgespräch stattfinden wird. Vielmehr kommen wir auch jetzt schon hin und wieder darüber ins Gespräch. Wenn meine Tochter in der Drogerie fragt, was Kondome sind und wozu sie verwendet werden. Wenn sie mir erzählt, worüber die größeren Kinder auf dem Schulhof geredet haben. Oder wenn es darum geht, wie ihre Schwester zustande kam. Ich versuche ihr dann alles altersgerecht, so gut es geht, zu erklären und freue mich, dass sie mit diesen Fragen zu mir kommt.

 

Wenn ich meinen Töchtern irgendwelche Werte mitgeben möchte, dann vielleicht, dass das „erste Mal“ nur die Bedeutung hat, die sie ihm selbst geben und dass es dafür kein „zu früh“ oder „zu spät“ gibt. Die Anzahl der Sexualpartner_innen macht niemandem zu einem besseren oder schlechteren Menschen. Und: „Nein heißt nein“ und nur „ja heißt ja“.

 

Die Worte Penis, Pimmel, Mumu, Scheide oder Muschi fallen in unseren Gesprächen selbstverständlich und regelmäßig. Wir sprechen über heterosexuelle wie auch homosexuelle Liebe. Wir sprechen über unterschiedliche Familienkonstellationen und je nachdem, was um uns herum gerade passiert, sprechen wir über neue Partner_innen, Trennungen oder Hochzeiten. Es gibt bei uns keine Fragen, die mit dem Satz „Dafür bist du noch zu jung“ beantwortet werden. Wenn ein Kind alt genug ist, eine Frage zu stellen, ist es auch alt genug eine ehrliche Antwort darauf zu bekommen. Begrifflichkeiten zu kennen sowie die Erfahrung zu machen, dass alle damit zusammenhängenden Themen besprechbar sind, sind wichtige Bausteine zum Schutz vor unerwünschten Erlebnissen. 

Nur wer gelernt hat über diese Themen zu sprechen,

kann sich auch jemandem anvertrauen, wenn etwas Unangenehmes passiert.

Vielleicht wird es dennoch irgendwann Themen geben, mit denen meine Töchter lieber nicht zu mir kommen. In meiner Wohnung liegen keine Tampons herum, die einen Gesprächsanlass über Menstruation bieten würden. Vielleicht werden sie darüber lieber mit ihren Müttern sprechen. Ich werde ihnen darüber kein Gespräch aufdrängen, aber wenn sie mich fragen, werde ich ihnen auch dazu so gut ich es kann antworten oder mit ihnen googeln.

 

Ich möchte meine Kinder immer ernst nehmen, egal wie chaotisch es vielleicht zwischendurch in ihnen aussieht. Ich möchte versuchen, ihnen den Druck zu nehmen, den beispielsweise die Schule auf sie ausübt. Ich weiß, dass es Zeiten gibt, in denen andere Sachen viel wichtiger sind als gute Noten. Ich möchte meinen Kindern gerne vermitteln, dass ich immer für sie da bin – egal, ob sie letztendlich voller Liebeskummer mit mir auf dem Wohnzimmersofa sitzen oder nicht. Es wird in den nächsten Jahren immer wieder darum gehen, los zu lassen, den Kindern zuzugestehen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und eigene Erfahrungen zu machen und dann bereit zu stehen, wenn sie Hilfe benötigen, über etwas sprechen möchten oder vielleicht einfach nur ohne Gespräch mit ihrem Liebeskummer oder nach einem anstrengenden Tag in der Schule nicht allein sein möchten.

Jochen Königs neues Buch "Mama, Papa, Kind?: Von Singles, Co-Eltern, und anderen Familien " ist erst im Juli im Herder Verlag erschienen und wurde schon rundum gelobt ;-)


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Aufklärungsbuch
© Iris Forstenlechner - Menstruation