Über perfekte Schulen, Vorurteile und Pränataldiagnostik

Im Herbst beginnt wieder die Schule. Natürlich auch für Kinder mit Behinderungen. Katharina Kapfhammer ist Integrationslehrerin und ich wollte gerne mehr über ihren Berufsalltag erfahren und ihre Gedanken zum Schulsystem. Die Söhne von Andrea haben die Schulpflicht ja schon hinter sich, bei Mareices Töchtern steht dieses Kapitel erst an.  Außerdem haben wir auch ein bisschen übers Private geplaudert...


Interview Katherina Kapfhammer cc Lizenz

Liebe Katharina, nicht alle haben eine Vorstellung davon, was eine Integrationslehrerin eigentlich genau macht. Wie sieht dein Alltag als Lehrerin eigentlich aus, inwiefern unterscheidet er sich von Nicht-IntegrationslehrerInnen?

 

Das ist relativ unterschiedlich bzw.  es kommt darauf an, in welchen Bereich man als SonderpädagogIn eingesetzt wird. In den ersten Jahren meiner Dienstzeit arbeitete ich an einer Allgemeinen Sonderschule in der Versuchshauptschule, dann war ich an der Heilpädagogischen Station und beschulte die Kinder während ihren Aufenthalts  und die letzten Jahre vor meiner Karenzzeit arbeitete ich nun als Integrationslehrerin an einer Volkschule.


Der Unterricht in einer Volksschulintegrationsklasse erfolgt in meinem Fall durch ein LehrerInnenteam mit einem Sonderschullehrerin und  einer Volksschullehrerin. Wir sind als gleichwertige Partnerinnen und für alle Kinder zuständig, das heißt, wir tragen gemeinsam die Verantwortung für Erziehung und Unterricht. Ich als Sonderschullehrerin bin aber schwerpunktmäßig für die sonderpädagogische Förderung zuständig, aber die Gemeinsamkeit des Unterrichtsgeschehens darf dabei nicht aus dem Blick geraten. Die gemeinsame Arbeit umfasst die Vorbereitung, Planung und Durchführung des Unterrichts, die Elternarbeit und die Kooperation mit allen zuständigen Institutionen und Behörden. 

Zwischen Vorurteilen, Sparmaßnamen und Homeschooling

Wie bist du eigentlich zu deiner Berufswahl gekommen?

 

Gute Frage ….mit Menschen zu arbeiten hat mich immer schon fasziniert. Mit 15 Jahren ging  ich dann in die Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogoik und nach der Matura wollte ich zuerst gar nichts mehr mit Kindern zu tun haben. Im Sommer darauf war ich dann Betreuerin  in einem Jugendlager für behinderte Menschen und diese Zeit mit diesen Menschen war einmalig, extrem lustig und so erfahrungsreich … da war es für mich klar, ich will in diesen Bereich arbeiten. 

 

In Deutschland kämpfte Kirsten Erhardt für das Recht ihres Sohnes mit Down-Syndrom eine Regelschule zu besuchen. Dabei kamen eine Menge Vorurteile auf – als würden andere Kinder deswegen „verdummen“. Leider habe ich solche Mythen auch immer wieder mal in Bezug auf Integrationsklassen hören müssen. Was sagst du als Integrationslehrerin auf solche Befürchtungen?

 

Die Angst und die Skepsis sind eindeutig vorhanden und ich kenne das auch aus meiner Arbeit. Die Eltern haben die Befürchtung, man könne sich ihren „normalen“ Kindern nicht genug widmen oder sie nicht genug fördern. Ich denke es kommt darauf an, welche und wie viele Kinder in der Klasse sind und was benötigt wird, damit man allen Kindern gerecht wird. Dazu muss man heutzutage in Zeiten der Sparmaßnahmen genau hinschauen – es kommt auf die Schüleranzahl, das Klassengefüge und auf die Stundenanzahl der Doppelbesetzung der Lehrer an. Wenn gute Voraussetzungen geschaffen werden, gibt es nichts Schöneres wenn wirklich jedes Kind inkludiert wird.

 

Da stellt sich bei mir aber auch die Frage, wer mehr wiegt. Also die Sparmaßnahmen wirken sich ja auch auf die Kinder aus, die inkludiert werden sollen. Insofern könnten ja gerade deren Eltern ebenso Sorge haben, dass ihre Kinder nicht genug gefördert werden, oder?

 

Wer mehr wiegt kann ich nicht sagen - die Sparmaßnahmen betreffen sicher alle Kinder. Jedoch die Kinder die einen sonderpädagogischen Förderbedarf heute noch erhalten, bekommen bis jetzt laut meiner Erfahrung auch eine gute Betreuung und Förderung. Schwierig ist und wird es für die Kinder, die es aufgrund des Sparens nicht mehr so einfach einen sonderpädagogischen Förderbedarf bekommen- die sogenannten "Grenzfälle". Das sind Kinder die aufgrund ihrer Entwicklung, ihres Verhaltens oder ihrer sozialen Herkunft mehr Unterstützung bräuchten. Diese Kinder fallen leider oft "durch  den Rost" da nicht mehr genug Ressourcen  vorhanden sind.

 

Über Bildungssysteme wird ja allerorts diskutiert. Fast alle finden das aktuelle Schulsystem schlecht. Immer wiedermal gibt es Änderungen für die Regelschule, andere weichen wiederum gleich auf den privaten Sektor aus. Was ändert sich für dich für den Unterricht durch die Bildungsreform? 

 

Was ändert sich…. ich sollte mich Vierteilen J… um ehrlich zu sein, habe ich das Gefühl es ändert sich leider nicht viel Positives: Mehr Dokumentation, mehr Integrationskinder und größerer Klassen, keine adäquaten Räumlichkeiten oder Rückzugsmöglichkeiten für ein Schule zum Wohlfühlen oder Ganztagsschule, weniger Zeit für Soziales. Es geht alles Richtung Leistung und Funktionieren…. Das Bildungssystem müsste ganz neu reformiert werden – begonnen an der Basis und nicht in Verbindung eines Sparkonzeptes. In Bildung und in Kinder sollte investiert werden – es würde sich auf der Dauer sicher rechnen…. ;-)

 

Und könnte eigentlich auch Homeschooling etwas für Kinder mit Behinderung sein? Immerhin werden immer wieder Forderungen danach laut – spätestens seit „Alphabet“ in den Kinos angelaufen ist.

 

Ja ist sicher auch eine  Option und sollte für ALLE Kinder möglich sein. Jedoch aus meiner Erfahrung sind gerade Eltern mit einem behinderten Kind oft überfordert, unsicher und froh Hilfestellung zu bekommen. Das heißt, man müsste sie, denke  ich auch hier eventuell begleiten und oder Anlaufstellen bieten. 

Die perfekte Schule

Katharina herself © Katharina Kapfhammer
Katharina herself © Katharina Kapfhammer

Wenn du selbst eine Schule konzipieren könntest, was wäre anders?


Ach meine Schule würde in unserer Welt nicht funktionieren J Ich hätte gern eine Schule des Miteinander und Füreinander und ohne diesen ständigen Leistungsdruck.  Ziel wäre es, dass die Kinder gern und jeden Tag aufs Neue mit Freude und Stolz  in die Schule gehen – nicht nur die ersten Jahre, sondern auch später noch. Lernen soll Spaß machen und nicht Frust. Schule sollte einen neuen Stellenwert in unserer Gesellschaft bekommen. Getragen werden nicht nur von den Kindern und uns Lehrern sondern auch von den Eltern, BeraterInnen, PsychologInnen, HelferInnen,… – aber auch hier in einem kooperativen Miteinander . Ja das wäre mein Traum…..


Und selbst? - Pränataldiagnostik?

Du bist ja auch Mutter von zwei Kindern. Hat für dich das Thema Pränataldiagnostik während der Schwangerschaften eine Rolle gespielt? Schließlich ist es einfach zu sagen „jedes Kind ist willkommen“, gleichzeitig erfährst du in deinem Berufsleben ja auch, wie sich das Leben vieler Familien genau dadurch ändert.


Ja, das war schwierig – aber ich habe keiner dieser  Tests in meinen Schwangerschaften gemacht. Ich hatte jedoch immer wieder Angst davor, dass ich eventuell kein gesundes Kind bekomme, weil ich natürlich in den Familien meiner Schulkinder sehe, was das bedeutet. Nichtsdestotrotz wollte ich meine Schwangerschaft unbekümmert erleben und es nicht wissen wollen. „Wegmachen“  wäre für mich keine Option gewesen, da ich an die vielen Kinder und Erwachsenen mit Behinderung denken muss, die meinen Weg und ich Ihren begleiten durfte. Jeder ist etwas ganz besonderes und ich möchte keinen von Ihnen missen.

Nicht so geheime Leidenschaften...

Eins noch. Du nähst ja auch unter dem Label „lukimo – Lustige Kindermode“. Vor kurzem hat ringelmiez, die ja auch einige Kinder hat und für ihr eigenes Label näht einen ausführlichen Blogpost veröffentlich, in dem sie schreibt, wie das eigentlich geht (also so zeitlich mit Kleinkindern). Dein Jüngster ist eineinhalb und du nutzt immer wieder die Gelegenheit bei Handwerksmärkten, die ja oft auch grade vor Ostern und Weihnachten stattfinden, wenn’s auch für Nicht-Näherinnen schon recht stressig ist. Welche Strategien hast du entwickelt, um das Nähen mit der Kinderbetreuung zu vereinbaren?

 

Wenn du die Leidenschaft für etwas entwickelst, dann finden sich plötzlich Wege. Katja du weißt sicher was ich meine J.

Ich habe einen tollen Mann, der mich hier sehr unterstützt und mir den Rücken gerade vor Ostern oder Weihnachten frei schaufelt. Ohne Ihn ginge gar nichts!!!  Meine Familie (Opas, Omas, Tanten, Schwestern,….) springen auch immer wieder ein, wenn ich sie brauche und sonst gibt es ja noch die guten Nächte ;-) 

 

Wenn alles schläft begebe ich mich in mein Arbeits- Nähzimmer und „werfe“ meine Maschine an. Diese Zeit gehört nur mir und ich liebe es hier meine Energien des täglichen Lebens wieder aufzutanken. 

Danke Katharina für dieses Interview!



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