"vielleicht ist sie ja trotzdem was Besonderes, weil sie so schön malen kann..."

Die Autorin Bibi Stift schreibt über allerlei Dunkles. Manchmal auch in Verbindung mit Kulinarischem. In diesem Text geht es aber um einen Ort in der Steiermark und den Umgang mit Menschen mit Behinderung. 


Mettersdorf-egal Bibi Stift © Katja Grach

Mettersdorf - egal

In Mettersdorf am Saßbach gibt es ein idyllisches Freibad, romantische Kukuruzäcker* und viele Kettenhunde. Wenn der Tierschutz stichprobenartig ins Haus schneit, nestelt die Bäuerin verlegen an ihrem Schürzenband, murmelt “…weil das Enkerl grad da ist..und es passiert ja soviel in letzter Zeit, man müsse nur die Kronenzeitung aufschlagen….”–im übrigen gelobt sie Besserung in Form einer 25m langen Laufkette und einer wärmeisolierten Hundehütte.

 

Wenn sie ihrem Nebenerwerbsbauerngemahl am Abend beim Doppler davon erzählt, lacht der spöttisch auf, geht nach draußen und gibt dem besten Freund des Menschen noch rasch einen Begrüßungstritt in die Rippen, damit er auch genau weiß, wo er hin gehört.

 

Es gibt dort aber auch Leute, die´s wirklich schwer haben, die so richtig vom Schicksal gebeutelt werden und gar nichts dafür können, dass die Älteste bei der Geburt zu wenig Sauerstoff bekam und deshalb nicht gescheit reden kann und wenn, dann nur dummes Zeug, das niemand versteht.

 

So eine, vom lieben Herrgott benachteiligte—und die Oma hat ja immer gebetet und gesagt, ER wird schon wissen, warum und vielleicht ist sie ja trotzdem was Besonderes, weil sie so schön malen kann. Da ist man aber auch nur draufgekommen, weil sie dem Jüngsten einmal die Ölkreiden weg genommen hat und damit auf den Asphalt im Hof so schön gezeichnet hat, dass der Oma die Tränen gekommen sind. Der lieben, benachteiligten aber auch gleich, der Vater hat nämlich dafür gesorgt, dass ihr die blöden Flausen stante pede mit dem Spanischen ausgetrieben werden. Nix reden, aber deppert herumzeichnen—-und der Familie auf der Tasche liegen mit den ganzen unnötigen Logo-Physio-und anderen Therapien, von denen die Krankenkasse gerade mal einen Bruchteil übernimmt.

 

Sie ist jetzt 28 und kriegt noch immer die abgetragenen Kleider von der Cousine, naja, gleichschauen* tät sie eh was und muss sie auch, weil man am Wochenende einen Buschenschank* betreibt und die Leut aus der Stadt, die kriegen die dann ja auch zu Gesicht, weil den ganzen Tag im Zimmer—

 

vorige Woche war so eine aufgetakelte* Frau aus Graz da, die hat die unglückliche Tochter doch tatsächlich gefragt: ”Möchten Sie eine Schokolade?”–streckt ihr die Hand hin, da hört man die Mutter sagen: ”Zu der brauchen´s net SIE sagen, die is eh behindert.”

 

Worauf die Frau aus der Stadt ganz große Augen gekriegt hat und rote Wangen. Lang war sie dann nicht mehr da, hat nur ihren Hollunderspritzer* ausgetrunken und ist wieder gefahren.

 

Die Frau war ich und in Mettersdorf geh ich nie mehr baden.


*Zur Klärung etwaiger Verständnisprobleme:

  • Kukuruz = Mais
  • etwas gleichschauen = hübsch aussehen
  • Buschenschank = Betrieb, in dem ein/e LandwirtIn die eigenen Erzeugnisse (Getränke und kalte Speisen) ausschenkt und serviert. Typisch im Süden der Steiermark. Mehr auf wikipedia unter "Heuriger"
  • Spritzer = Weinschorle

Danke Bibi für deinen Text!


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