Über die Kunst, klischeefreie Kinderbücher zu finden

Wer Kinderbücher finden will, die nicht nur Frauen in der Küche und Männer auf Traktoren zeigen, muss meist eine spezielle Buchhandlung aufsuchen, um mal nett zu stöbern oder zumindest vorher online recherchieren, damit vor Ort was passendes bestellt werden kann. Ich liebe Kinderbücher und würde haufenweise Geld dafür ausgeben. Aber manchmal möchte ich auch einfach so ein Buch kaufen. Um ein paar Euro. Eines das nicht voller Klischees ist. Ein kleiner Rundblick in unserer Bücherkiste...


Kinderbücher ohne Klischees © Katja Grach

Großartige Bücher

Keine Frage: Es gibt sie. Die großartigen Kinderbücher, die alle möglichen Bereiche des Lebens abdecken und auf vielfältige Weise verschiedene Lebensrealitäten abbilden.

 

Hier mal gleich ein paar Links dazu:

Auch in meinem Fundus gibt es zwei Prachtexemplare. Ein uraltes, dass bereits der Kindesvater verschlungen hat erfreut sich auch bei uns größter Beliebtheit: Kleine Katze Nina (Erwin Moser, 1992) und ein ganz neuer zufälliger Fund im ganz normalen Buchladen: Der Hummer hat Kummer  (Susanne Weber, 2015).


Der Vollständigkeit halber sollte ich vielleicht erwähnen, dass mein Sohn gerade 2 Jahre alt geworden ist.

Eine rosa Villa und schnelle Autos schließen sich nicht aus

In Erwin Mosers Geschichte rund um die kleine Katze Nina, wird diese bei unterschiedlichsten Tätigkeiten porträtiert. Anfangs spielt sich alles rund um ihr Zuhause ab. Sie schaukelt, lädt FreundInnen ein, spielt mit Ihnen, chillt in der Hängematte und lässt sich Kuchen und Pasteten vom Hamster Karl mitbringen, der das recht gut kann. Wenn ihr das zu fad wird, braust sie einfach mit dem Motorrad davon zum Rennplatz, dreht dort ein paar Runden und zischt dann ab zum Flugplatz, um sich irgendwann mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug zu stürzen und wieder im Garten ihrer rosaroten Villa zu landen. Coole Socke, diese Nina. Sie liebt Gefahr, sitzt gern auf der Schaukel und hat auch Angst vor einer Sache: Wasser. 


Mir gefällt die Vielfalt ihrer Hobbies und J. ebenso. Vom Flugzeug kann er genauso wenig genug kriegen wie von der Schaukel. Und so lesen wir die Geschichte immer und immer wieder ;-)

An keiner Stelle wird kommentiert, dass sie diese gefährlichen Dinge liebt, "obwohl" sie ein Mädchen ist. Jede Vorliebe ist ein Teil von ihr. Aus. Fertig.

Queere Liebesgeschichte unter Wasser

Der Hummer hat Kummer und wird von allen deswegen getröstet. Warum er Kummer hat, ist anfangs gar nicht klar. Auch das Geschlecht des Hummers bleibt im Dunkeln. Wegen der Wimpern, die oft klassisch für weibliche Figuren als Geschlechtsmarker eingesetzt werden, könnte mensch meinen, der Hummer handelt sich um ein Mädchen. Aber diese Wimpern finden sich ebenso beim Seepferdchen, dass sich letztlich als LiebespartnerIn entpuppt. Ob es sich nun um ein Heteropärchen oder ein Homopärchen handelt, dass weiß mensch nicht. Definitiv sind sie von einer unterschiedlichen Spezies. Darin lässt sich relativ viel hineininterpretieren, oder auch nicht. Gerade das finde ich spannend und zugleich herrlich neutral unkompliziert. - Und absolut süße Reime. Ebenfalls von der Autorin erschienen: Der Biber hat Fieber, Die Eule mit der Beule, Die Maus hat eine Laus - alles Bücher zum Mitfühlen. Einfach süß!

Das Klischee steckt im Detail

Der Bauernhof und die traditionelle Kernfamilie

Ihr kennt das vielleicht noch. Wir alle haben mal Tiermütter und ihre Kinder auf irgendwelchen Stickern gesammelt, sie auf Kärtchen zugeordnet, die verschiedenen Bezeichnungen gelernt. Kuh und Kalb, Katze und Kätzchen, Sau und Ferkel...etc. Natürlich gibt es da auch einen männlichen Part dazu, aber am Bauernhof wird dieser ja oft extra gesperrt und überhaupt säugt der das Tierbaby ja nicht. Also wozu extra erwähnen. Der tierische Vater ist der lonesome Cowboy des landwirtschaftlichen Betriebes und gammelt irgendwo alleine rum, begattet ein Weibchen, macht sich wichtig (Hahn) oder wurde längst kastriert. Im Kinderbuch hat er selten bis gar nix zu suchen. 

 

Und so sucht mensch ihn auf den Bildern vergeblich. Aber dafür gibt es Menschen. In dem "Mein großes Puzzle-Spielbuch Bauernhof" das wir besitzen und ebenfalls einer der absoluten Burner unter den Büchern ist, gibt es einen Mann  oder jugendlichen Burschen, der Futter bereitstellt, sich um den Platten bei der Ballenpresse kümmert, die Äpfel pflückt, die Kühe abends in den Stall treibt und einen Mann, der auf zwei Bildern mit dem Traktor fährt. Die Männer arbeiten also.

 

Außerdem leben scheinbar noch ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen auf dem Hof. Auf der Titelseite füttern beide Tiere, mit dem Futter helfen beide auch auf der ersten Doppelseite, dann spielen sie, streicheln die Tiere gemeinsam und sind nochmal einzeln drauf. Der Bub fährt einen Mini-Traktor mit einem Anhänger voller Äpfel. Das Mädchen schaut ein Pferd an. Auf dem Bild, auf dem beide mit dem Futter beschäftigt sind, ist der Kleine groß drauf, während sie nur durch das Fenster klitzeklein beim Schweinefüttern zu sehen ist. Auch auf der Titelseite ist der Bub beim Füttern im Vordergrund, das Mädchen viel weiter hinten und dadurch kleiner abgebildet.

 

Eine erwachsene Frau fehlt auf diesem Hof. Vermutlich kocht sie drinnen. 

 

Mensch könnte das als I-Tüpfelreiterei abtun, aber Fakt ist: Mehr aktive Männer mehr im Bild. Die prominenten Weibchen in dem Buch sind Tiere, die sich um ihre Jungtiere kümmern; sprich: Mütter.

 

Ich bestreite ja nicht, dass diese Tierchen tatsächlich von ihren Müttern versorgt werden. Aber das ist kein Argument für abwesende Bäuerinnen, die auf einer realen Landwirtschaft definitiv wie irre hackeln. 

Was hängen bleibt ist die Botschaft:

Kinder gehören zu ihrer Mutter. Und Männer arbeiten.

Passiv in der Zauberschule

Ab und zu werfe ich einen Blick in eine Secondhand - Buchabteilung und nehme von dort meist auch ein Kinderbuch mit. Nicht immer werfe ich ganz genau den Blick hinein, weil ich - wenn ich schon mal dort bin - halt auch anderweitig beladen bin. Wie auch immer "Marie in der Zauberschule" erinnerte mich durch die Symbole an Pony, Bär und Abendstern. Ein Bilderbuch, das ich als Kind (1999) geliebt hatte. Abgesehen davon bin ich eh ein Fan von Hexen und Zauberei plus ein Mädchen in der Hauptrolle - quasi positives weibliches role model...naja, weit gefehlt. 


Tragischerweise wurde dieses Buch tatsächlich einer Marie geschenkt, den die hatte ihren Namen vorne eingetragen. Aber was macht nun die Marie aus dem Buch? Erstmal findet sie die anderen in der Klasse doof und würde liebe in eine Zauberschule gehen. Als sie dort ist, wird sie von den ZauberschülerInnen gleich mal blöd angemacht, der Sitznachbar Malus klaut ihr das Lineal mit dem der sie sogleich halb unsichtbar zaubert. Der Lehrer mag keine halben (bzw. halbsichtbaren) Kinder und zaubert sie gleich ganz unsichtbar. In einem kleinen Akt des Aufbegehrens zaubert Marie dann auch noch schnell was, flüchtet und landet im Keller, wo sie von einer Kröte verarscht wird, die sie ebenfalls verzaubert: in einen Frosch. Als Frosch wird sie dann nochmal von Malus gequält, als der sie fängt und ganz fest drückt. Dann wird sie fast von einem Fisch gefressen, anschließend fast von einem Storch, den der "böse Malus" gezaubert hat. Schließlich wird Marie von Hexe Hilde "gerettet", in dem diese sagt, wie sie zurückverwandelt werden kann. Die sitzt bequem in einem Liegestuhl im Garten und döst vor sich hin. Ein Kuss von Malus seinotwendig. Abgesehen vom Drachenflug zum Schluss ist der Schulwechsel ziemlich beschissen ausgegangen. Fazit: Alte SchulkameradInnen doch nicht so doof.


Was lernen wir aus der Geschichte? Schule ist blöd und übergriffig, überall wird mensch gemobbt, Buben sind gemein, Lehrer ungerecht und Mädchen sowieso passiv und körperliche Angriffe und Unsichtbarkeit sind normal. Alle "Abenteuer", die geschehen, passieren mit Marie aber nicht durch sie. Sie strudelt von einer brenzligen Situation in die nächste, ohne wirklich selbst etwas an der Handlung zu ändern und muss schließlich gerettet werden. Der einzelne aufmüpfige Zaubertrick inzwischen hilft da auch nicht weiter. Irgendwie sehr frustrierend für mich dieses Buch. 

Ich hätte mir Bibi Blocksberg und Girl Power erwartet...

nicht Opferhaltung und Frauen als Störfaktoren. 

Frauen sind generell mal Eigentum

Ein weiteres Buch aus der Secondhand-Abteilung hat kürzlich den Weg wegen seiner netten Illustration zu uns gefunden: "Wau, was für ein Leben" von Paul Banks.

 

Ein kleiner Hund erzählt aus seiner Perspektive, wie es ihm so geht, was auch sein Frauchen für Ansichten so hat und was er so gerne machen möchte. Dabei begegnet er im Park auch den süßesten Hundedamen. Ok, Hetero-Hund, warum nicht. Bloß dann - nachdem er sich Halsüberkopf in die "Hundedame" Daisy verliebt hat, stellt er scheinbar Besitzansprüche und mokiert sich über einen blauäugigen, reinrassigen Collie, der auch noch preisgekrönt ist. Eh klar, da hat so einer wie er nie eine Chance. Aber wenn er groß und ein Bernhardiner sei, dann würde er dem Collie schon zeigen wo auf gut steirisch der Bartl den Most holt und diesen Schnösel verjagen. Und dann gäbe es jede Menge Hundebabies fürs Frauchen mit der Daisy. Äh ja. 

 

So süß der kleine Hund auf anderen Seiten sein mag, ich will eigentlich nicht vorlesen, dass Beziehungen zu Frauen unter Männern klar gemacht werden. Ich will auch nicht lesen, dass es am Aussehen und an der Klasse/Rasse liegt, wer wen abkriegt. Und Daisy sollte vielleicht auch mal zu Wort kommen, wenn es um die Elternschaft geht. Frauen sind kein Besitztum. Das kommt hier aber bei diesen Hundefantasien so rüber. 

 

Was mache ich also?

Ich erzähle, dass Daisy schon in einer Partnerschaft ist. Der kleine Hund ist eifersüchtig, traurig und auch ein bisschen wütend, aber so ist das halt, er kann das ja nicht allein bestimmen. Vielleicht schaut es in ein paar Jahren anders aus und dann gibt's eine Beziehung mit ihm und Patchworkfamilie, oder aber er gründet eine Familie mit einer anderen Hündin, oder aber sie leben zu dritt (inkl. Collie) und Kindern und genießen das Hundeleben.

 

Sowas in der Art, je nach Tagesverfassung. Aber bei der Originalversion ist mir nicht wohl. Ich möchte dieses Bild nicht aus meinem eigenen Mund prägen - wenn ich schon merke was da rauskommt.

Die Frauenrollen diesmal: Mutter, schön und passiv.

Und wenn mensch noch das Frauchen miteinbezieht, dann kommt noch "etwas belämmert" in Kombi mit "allein stehend" hinzu. 

Natürlich kann mensch das abtun als Kinkerlitzchen. Aber Bücher spiegeln gesellschaftliche Realitäten und Werte wider - oder auch nicht. 3 verschiedene Kinderbüchern präsentiere eine passive Frauenrolle - selbst in der Hauptrolle, zwei davon knüpfen das ganze an eine Mutterrolle. 


Hummer und Nina zeigen, dass es auch ganz anders sein kann. Dass es viele verschiedene FreundInnen gibt, Rückhalt durch andere und das Partnerschaften durchaus ungleich sein können (auch wenn die Katze viel mit Katern macht). 


Wenn ich ohne böse Absicht in einen Buchladen gehe, möchte ich zu x-beliebigen Büchern greifen können, die nicht voller Klischees sind. Ich habe ewig nach einem Traktorbuch oder eines mit Fahrzeugen gesucht, das nicht voll war von männlichen Personen und keine einzige Frau drinnen hatte. In einem alternativen Laden bin ich schließlich über ein Exemplar gestolpert, dass nur Fahrzeuge drinnen hatte ohne Menschen. Perfekt. Oder zumindest besser als nichts. Warum müssen wir klischeefreie Kinderbücher, die nicht von romantischen Zweierbeziehungen mit verliebt-verlobt-verheiratet-Plot arbeiten und von aktiven Jungs und passiven Mädchen erzählen eigentlich wie die Nadel im Heuhaufen suchen? 

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