Was für eine Art von Familie wollen wir sein?

Was steht bei uns am Programm, wenn wir Ferien haben aber die Krippe offen? Beziehungsklausur. Oder so ähnlich. (Der Sozialbereich hinterlässt seine Spuren an meinem Wording...). Im Alltag fehlt uns meistens die Zeit über Vereinbarkeit, Familienleben, Zukunft und Umgang mit einer PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) zu diskutieren. Familien sind komplexe Systeme. Damit es gut läuft, muss mensch auch immer wieder mal genauer drauf hinschauen. Das haben wir kürzlich gemacht. Hier ein kleiner Zwischenbericht.

Beziehung und psychische Erkrankung © an:dro:id

Bei uns ist das manchmal etwas kompliziert. Oder auch oft. Oder einfach anders. So anders aber auch nicht, denn wir kennen viele, denen es auch so geht.

 

Erstens haben wir ein Kind und deshalb kommt die Zeit für uns als einzelne und uns als Paar oft etwas zu kurz. Über dieses Dilemma der Vereinbarkeit habe ich kürzlich für die Kampagne Familienleben geschrieben und die erste Textversion war so frustriert und ruppig, dass ich eine ganz neue schreiben musste...

 

Zweitens versuchen wir unser Familienleben gleichberechtigt anzugehen. Ha ha..sag ich da mal kurz dazu. Hab mich mal an dieser Stelle dazu ausgelassen und sehe grad auf umstandslos, dass es Alexa ähnlich geht. 

 

Drittens leidet der Liebste an einer psychischen Erkrankung (PTBS). "Leidet" klingt irgendwie nach Kreuzweg-Prozession, aber lustig ist es ja auch nicht gerade.  Warum und wieso das so ist, ist diesmal nicht das Thema, aber Familie und Beziehungsleben an sich sind mit PTBS, Borderline, Dissoziativer Identität, Bipolarer Störung, Depression und Angsterkrankungen auch kein Spaziergang. Eher so Schnitzeljagd bei der mensch immer wieder mal vom Weg abkommt, die Nachricht unverständlich ist oder es plötzlich aus Kannen zu schütten beginnt. Nun ja. Was kann mensch da tun?

 

Beziehungsklausur z.B.

Ich bin ja sicher nicht die Therapeutin meines Partners, auch wenn ich als Pädagogin da so meine berufsspezifischen Anwandlungen habe (Hallo Menschen aus dem Sozialbereich da draußen, gebt euch zu erkennen!). Außerdem hab ich selber meine tiefen Gräben, die immer wieder mal aufbrechen ohne mir vorher Bescheid zu geben. Liegt's nun an mir, meinen Glauben an das romantische Ideal der Liebe (scherz), das Verantwortungsgefühl gegenüber unserem Kind oder meiner weiblichen Sozialisation - was auch immer - ich denk mir halt: Da kann mensch noch was machen...weil gerade läuft es suboptimal. Wie wär's also mit einem Beziehungs-Bootcamp oder einer Klausur, wenn wir gerade frei haben? Mensch merkt, ich bin etwas geschädigt von meiner beruflichen Tätigkeit als Erwachsenenbildnerin...

 

Und so machte ich mich auf, um mit Klebezetteln, einem Bogen Flipchart-Papier, einem Mindmap und einem ebook unserer Beziehung ein paar Impülschen zu geben. Es ist jetzt nicht so, dass der Liebste daran unbeteiligt gewesen wäre. Denn eigentlich wollte er in den Semesterferien nach Hause zur Family in den Westen fahren. Dann schwante uns beim wiedereingeführten "Familienrat" am Sonntagabend, dass wir eine gemeinsame Woche kinderfreier Vormittage hätten und "Sex, Drugs and Rock and Roll" wurde sofort beschlossen (oder so ähnlich.)

 

Zuerst war ich nämlich erst mal krank. Und zweitens gestresst. Das Spa musste ausfallen, der Liebste meinen Kreiselmodus erstmal stoppen. Tag 1 lief gut. Weil wir nicht nur im Inneren ausmisten wollten sondern auch im Außen, waren wir noch immer mit der Wohnung beschäftigt und kramten wiedermal fleißig in den alten Kisten. Da hieß es dann gleich Trigger-Ahoi, wir ließen der Dynamik freien Lauf und es krachte erst mal ordentlich. Tag 2 also etwas suboptimal. Tag 3 neue Couch, ein verbummelter Vormittag bei Ikea mit sehr vielen Zimtschnecken und der Liebste wurde krank weil am Tag 1 angesteckt...(wie konnte das nur passieren...? :) ) Mir gings nun aber besser.

Tag 4 neue Sitzbank plus supertolle konstruktive Gespräche und to dos bis dorthinaus. Tag 5 absehbar beschissen weil Therapiesitzung gleich am morgen und dann den ganzen Tag alles mögliche daherkam, was es aufzulösen galt. Aber immerhin die Küche ausgemistet. Samstag wieder sehr konstruktiv. So konstruktiv, dass ich euch diese Beziehungsklausur nicht vorenthalten möchte. Der Liebste sagt: Go for it! Na gut. Er geht ins Konzert, ich blogge, Kind schläft sich gesund (hat's heute erwischt - wir sind wieder fit).

 

Was ist da nun aber eigentlich passiert, was haben wir gequatscht?

 

Was für eine Art von Familie wollen wir sein? 

Ich les' da hin und wieder einen Blog (LivingWellSpendingLess), der nicht nur meine Putzmittelgewohnheiten beeinflusst, sondern dessen Schreiberin Ruth Soukop mich auch nachhaltig beeindruckt. Ruth gibt nicht nur allgemeine Lebenstipps, sondern lässt auf ihrer Webseite auch an ihrer eigenen Geschichte über sexualisierte Gewalt und ihre Depressionen teilhaben. Vermutlich ist ihr deshalb auch so wichtig, an der Beziehung zu ihren Familienmitgliedern besonders zu arbeiten. Jedenfalls gibt es aktuell ein workbook "the best year ever" mit einem kleinen gratis Videokurs runterzuladen. Ich hab's runtergeladen, den Kurs nicht gemacht, aber die Fragen rund um das "family mission statement" total spannend gefunden. Und genau diese haben ich und mein Partner versucht für uns als Paar und auch für die Familie zu beantworten. Daraus sind wahnsinnig intensive und interessante Gespräche entstanden, bei denen wir immer wieder staunten, wie ähnlich wir eh ticken, auch wenn wir das oft aus den Augen verlieren. 

 

Im idealen Fall wird dieses family mission statement ja im Rahmen eines Familien-Meetings ausdiskutiert, an dem auch die Kinder beteiligt sind. Da unser Sohn aktuell eher über Formen, Eichhörnchen und Kräne spricht, haben wir diesen Punkt ausgelassen und einfach mal zuerst unsere Assoziationen notiert zB zu:

 

  • Was ist der Zweck unserer Familie/Partnerschaft?
  • Welche Art von Familie/Paar wollen wir sein?
  • Welche Dinge wollen wir gemeinsam tun?
  • Welches Gefühl wollen wir in unserem Zuhause haben?
  • Wofür schämst du dich in Bezug auf deine Familie/deine/n PartnerIn?
  • Welche Art von Beziehungen wollen wir miteinander haben?
  • Was sind einzigartige Talente, Fähigkeiten und Gaben der einzelnen Familienmitglieder?
  • Was sind unsere Verantwortlichkeiten als Familienmitglieder?
  • Welche Familien inspirieren uns und warum bewundern wir sie?
  • Was können wir als Familie/Paar zur Gesellschaft beitragen?

 

Das sind nicht alle Fragen, aber ihr könnt euch vermutlich vorstellen, dass interessante Antworten dabei rausgekommen sind. Bei den Familien, die uns inspirieren, hab ich übrigens Mrs. und Mr. Essential genannt. Auch weil ich mir immer wieder denke: Hey, die haben 4 Kinder, Ms. Essential hat einen ordentlichen Packen auf ihrem Rücken zu tragen, aber die kriegen das auch hin - also: You can do it!

 

Auf gleicher Augenhöhe

Ein großer Punkt, für den wir auf vielen Ebenen Lösungen suchen ist das Thema gleiche Augenhöhe. Da kommen meine gesellschaftlich geprägte Rolle als Mutter dazu, meine gesellschaftlich geprägte Rolle als Frau, die sich ja mit Beziehungsdings und Emotionen oder so eh besser auskennen sollte/muss... und unterschiedlich alte innere Kinder, die nachgenährt werden wollen und ein unsicher-ambivalentes Beziehungsmuster in Kombi mit einer Opferhaltung zusammen. Wenn dann noch zwischen den einzelnen Kindern hin- und hergeswitcht wird und ich mich auch noch in die Dynamik fallen lasse, weil es mir einfach nur mehr stinkt, kann mensch sich vorstellen wie "spannend" wir es hier zeitweise haben. Das hat dann absolut nix von einem "normalen" Pärchenstreit. Und dabei weiß ich, dass wir absolut nicht alleine sind damit.

Wir sind "froh" um all die befreundeten Familien mit ähnlichen Herausforderungen.

 

Übliche Beziehungstipps helfen da nur begrenzt, weil sie von PartnerInnen ausgehen, die auf gleicher Augenhöhe miteinander kommunizieren. Da sind keine inneren Kinder impliziert, die sich so in den Vordergrund drängen, dass erwachsene Anteile den kompletten Tag nicht mehr zum Vorschein kommen. Da hilft keine geplante Zeit zu zweit, wenn ein ungeahnter Trigger alles durcheinander wirbelt, weil das benötigte mentale Werkzeug noch nicht fertig ist. Das ist anstrengend. Für Mütter mit psychischen Erkrankungen ist es auch noch mal anstrengender, weil sie meistens auch noch die Hauptlast tragen was Erziehungsverantwortung betrifft.

Für PartnerInnen ist es auch anstrengend, weil sie das Gefühl haben ständig funktionieren zu müssen und gleichzeitig vermutlich wie jeder andere Mensch ihr eigenes Päcklein mittragen

Was können wir gemeinsam für eine gleiche Augenhöhe tun?

Abgesehen von der individuellen Arbeit an der Erkrankung stehen viele Menschen ja auch in Beziehungen zu anderen - zu PartnerInnen, zu den eigenen Kindern. Mensch kommt nicht drumherum, das auch mal zu versuchen, gemeinsam zu lösen. Für uns ist dabei immer wieder die Herausforderung geschlechtsspezifische Sozialisationsmuster, Paarbeziehung und psych. Erkrankung auseinanderzusdröseln. Hier mal unsere unvollständige aktuelle Liste, wie uns das gelingt/gelingen könnte...

 

 

1. Zu Beginn unserer Beziehungsklausur haben wir uns zur Aufgabe gestellt aufzuschreiben, worin wir uns verliebt haben. Da der Liebste ebenfalls mit meiner Mindmap-Manie angefixt wurde, kamen dabei natürlich ein paar Zeichnungen raus...und ein paar verhaltene Tränchen. Denn die schönste Erkenntnis für uns beide war, dass wir uns nach wie vor so ähnlich sind und die gleichen Leidenschaften hegen. Ist doch auch schön, wenn mensch am anderen mag, was er/sie auch an sich selber mag. Insofern hätten wir da ein Fundament :-)

 

2. Die zweite Idee, die wir als traumatherapeutisch Erfahrene hatten: Ein gemeinsames Ressourcentagebuch bzw. Plakat. Auf dem schreiben/zeichnen/sammeln wir nun, was grade gut läuft und was schön war gemeinsam. Wir leiden nämlich beide an Pauschalierung und das Zeitgefühl vom Liebsten ist zudem krankheitsbedingt sehr speziell. Also sammeln wir mal.

 

3. Von unserer Beziehungschallenge hab ich ja auch schon erzählt. Jede Woche ziehen wir eine gemeinsame Aufgabe. Manches ist aufwendiger, anders weniger. Letztens hatten wir die Aufgabe ein Wochenende via airbnb (mit Kind) zu buchen, diese Woche lernen wir über die Geografie Südamerikas einiges dazu (die neuen Lieblingswörter des Kindes sind "Antofagasta" und "Anden"), letzte Woche hätten wir uns jeden Tag für einander aufbrezeln sollen und davor brachten wir uns gegenseitig etwas bei. Ich hab gelernt wie ich irgendwas mit Netzwerk und W-Lan für unsere Computer einrichte mit Nerd-Spezialsystem und er hat eine Haube für den Kleinen genäht und is megastolz drauf. Von den sich gegenseitig etwas beibringen - Aufgaben werden noch mehrere kommen. Die Aufbrezel-Challenge haben wir nach einem Tag abgebrochen, weil er mir mit Hemd zu Hause etwas creepy vorkam, und ich auch nicht mehr wusste, was ich an mir noch aufdonnern soll. Außer Kajal und Wimperntusche nutze ich ja sowieso nix und mit Jogginganzug laufe ich zu Hause auch kaum rum. Lesson learnt: Wir finden uns eigentlich genauso wie wir täglich ausschauen (noch immer) ziemlich attraktiv. 

 

4. Und dann gibt es noch den Diskussionspunkt "Wie viel Raum kriegt die PTBS?" weil oft genug unsere Wochenenden darunter gelitten haben in  den letzten Jahren. Insofern wurde nun neu ausverhandelt, wann Therapiesitzungen am besten stattfinden, womit sie (ausgleichenderweise) gekoppelt werden, endlich mal eine Notfallsbox, wie Wochenenden präventiv geplant/gestaltet werden können - vor allem jene, an dem der Liebste mit dem Kleinen alleine ist, sowie ein Backup-Plan, wenn Besuch ansteht. Vermeidungsstrategien sollen da bewusst nicht mehr unsere bevorzugte Option sein. 

 

5. Bislang gar nicht in unseren Gesprächen vorgekommen sind zusätzliche Babysitter - oder zumindest nicht in der Präsenz, in der diese für Beziehungsarbeit sonst oft auftauchen. Viel stärker sind wir damit beschäftigt, wie wir unser zu Hause gestalten können, damit sich alle wohlfühlen, wie wir uns gegenseitig den Rücken im Alltag freihalten können, wie mehr Familienzeit rausschaut, wie wir an unseren gemeinsamen Werten arbeiten, mehr FreundInnen zu uns regelmäßiger einladen können und ein leidenschaftliches Liebesleben leben können. Dafür braucht es z.B. in meinem Fall nicht mehr, als eine saubere Wohnung. Ansonsten surrt es ständig, was noch alles erledigt werden muss. Kann ich das ignorieren, denke  ich mir: Wieso hat er seine Zuständigkeiten eigentlich nicht erledigt, bevor er aus dem Haus ist? 

 

6. Stichwort Zuhause: Mir geht es ja grundsätzlich so, dass ich gerne bestimme, wie es in meinen 4 Wänden aussieht. Vom Vorhang bis zum Inhalt der Schublade - ich bin es gewohnt zu sagen, wo wie was. Sonst hat sich auch bislang niemand dafür interessiert. Wobei ein Ex-Partner schon, aber dessen Geschmack fand ich furchtbar. Ergo hatten wir eine große Krise wegen eines Schranks mit Glastüren, in dem ein Staubsauger Platz fand. Ein Staubsauger in der Vitrine quasi!!!! Gut, ihr seht meine innere Aufruhr anhand der Vielzahl der Rufzeichen. Nur 1 Beispiel. Egal. Jetzt machen wir das Wohnzimmer neu und es ist ein kooperativer Prozess. Das ist echt nicht leicht für mich. Aber Konsens ist wichtig. Wenn jemand was scheußlich findet, kommt es nicht ins Haus. Wir gestalten jetzt sein der 2. Jännerwoche...Aber es wird :-) Die Kabel werden nun nicht mehr mit Ductape am Regal festgeklebt... 

 

7. Auf gleicher Augenhöhe als Eltern: Grundsätzlich prasselt ja recht viel auf Eltern ein wie und was sie nicht tun sollen. Für mich the one and only ist das Buch SAFE® - Sichere Ausbildung für Eltern: Sichere Bindung zwischen Eltern und Kind von Karl-Heinz Brisch. Das gibt zwar nicht antworten auf alles, aber auf alles was uns wichtig ist, wenn wir hier keine ambivalenten Bindungsmuster weitergeben wollen oder sonstige Spiegelungen. Gleichermaßen müssen wir ausverhandeln, wer sich um was kümmert, all die unsichtbaren Erziehungsaufgaben übernimmt und wie wir Schnuller, Schlafengehen, Youtube-Videos regeln, damit wir beide an einem Strang ziehen und uns ebenfalls auf gleicher Augenhöhe als Eltern begegnen können. Sonst gibt es immer eine Person, die es "richtig" macht und die andere wird belehrt. 

Ich sehe mir immer wieder die Überschrift an und denke mir: Passt der Artikel eigentlich dazu? Hier geht's ja um Beziehung. Aber Elternschaft ist vielfältig und oft geht sie auch mit schwierigen Beziehungen einher, die schwierig sind, weil vieles was als Kind erlebt wurde nicht so toll gelaufen ist - womöglich auch zwischen den Eltern. Insofern passt es doch wieder. Familien sind vielfältig.

 


Es sind nicht nur die Kinder, über die mensch sich ein paar Gedanken machen sollte. Auch oder besonders die Erwachsenen müssen an sich arbeiten.

 

Wegen der Kinder.

Für sich. 

Und für die Gesellschaft generell.



Noch ein bisschen Literatur für betroffene Familien:


Welche Tipps habt ihr, um Beziehungsleben, Familie und psych. Erkrankungen unter einen Hut zu bekommen?


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Das interessiert mich besonders:

Noch mehr schwierige Beziehungen...

Muttertag © Katja Grach
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