Bubentiere und Mädchenobst (auch) in London

Letzte Woche waren wir mit unserem 1,5-jährigen in London. Wir haben all das gemacht, was Eltern kleiner Kinder in einer Großstadt machen. Nämlich nichts von dem was TouristInnen tun. Gar nichts. Trotzdem war's lustig und und schön. Wegen der Suche nach einer geeigneten Regenjacke musste ich mir auch Gedanken über geschlechtsspezifisches Obst machen. Damit bin ich allerdings nicht alleine...


London - Geschlechtsspezifische Kleidung

London mit Kind im Schnelldurchlauf

Für alle, die jetzt nur wegen London hier lesen gleich mal alle Tipps im Schleudergang (alle anderen dann auch unterhalb weiterlesen):

  • Es gibt fast alle Museen gratis. Das ist einfach GENIAL.
  • Das Museum of Childhood an der Ungerground-Station Bethnal Green ist das ideale Regenprogramm. Eintritt frei, genug Platz für Kinderwagen (auch um damit die Ausstellung abzufahren), was zu essen, interessante Ausstellung (wenn mensch Zeit hat sie neben der Beaufsichtigung der Kinder anzusehen), eine lange Rampe zum Auf- und Abrennen, viele Spielstationen für die Kleinen zu jedem Thema (z.B. Duplo-Ecke, nachgebaute große Küche, Puppenhäuser, Bausteine, Lichteffekt- und Materialien-Fühlecke, Sandkasten! uvm.). - Für die ganz Kleinen gibt es auch eine eingezäunte Spielecke auf deren Sofas Eltern meist vor Anstrengung dahindämmern.
  • Da England rauchfrei ist, kann mensch die Kleinen auch ohne Probleme ins Pub mitnehmen. 
  • Wär in der Nähe von Heathrow nächtigen möchte um möglichst schnell am nächsten Tag zum Flughafen zu kommen: In Tring gibt's ein National History Museum mit zahlreichen ausgestopfen Tieren. Ein Sohn der Rothschild-Familie hat diese gesammelt. Von Elefant bis Feldmaus ist alles da. Eine tolle Fotoausstellung gibts ebenfalls und mehrere Kinder mit Clipboards haben wir gesehen, die Tiere abgezeichnet haben oder Fragen beantworteten. Ein kinderfreundliches Café gibt es ebenfalls im Haus, kinderwagenfreundlich und natürlich wieder gratis.
  • Ebenfalls in der Nähe von Heathrow gibt es das, was ÖsterreicherInnen gemein unter dem Namen "Minimundus" kennen. Das Bekonscot Model Village in Beaconsfield. Es zeigt das klassische Britannien mit alten Häusern, Segelschiffchen, natürlich Modelleisenbahn - dazu eine überdachte Picknick-Aria und ein moderner Spielplatz mit vielen Möglichkeiten ab 18 Monaten. Der Eintritt unter 2 Jahren ist frei.
  • Gleich um's Eck befindet sich das älteste Freehouse überhaupt (sowas wie ein Pub) von England: The Royal Standard of England. Defenitiv einen Besuch wert. Schiefe Wände, Türstöcke, der Geruch einer alten Rauchkuchl wegen dem offenen Kaminfeuer. Sehr urig und ganz viel zu entdecken für Kinder. 
  • Nette Laufrad und Spazierstrecken gesucht? In London gibt's ja nicht nur die Thames, sondern auch einen Kanal, an dem mensch gemächlich entlang spazieren kann und sich dabei ein bisschen wie in Amsterdam fühlt. Da ich nur Erfahrungen aus East London teilen kann, schlage ich den Einstieg über Stratford und das Olympia Stadion vor. Dort gibt es nicht nur eine supergeil gestylte Shopping Mall, sondern auch einen Verkehrsknoten = mensch kommt einfach hin. Gleich beim Losmarschieren begegnet mensch dann den ersten Hippie-Hausbooten und dem Inn-Viertel "Hackney Wick". Graffiti-Begeisterte können hier schon mal den Fotoapparat zücken, Abenteuerlustige können sich auf die Suche nach verstecken Cafès in alten Fabrikshallen machen. Bis matchmakers warf (ehemalige Matchbox-Fabrik, die jetzt ein Wohnhaus ist) sind es etwa 20 min - von dort aus kann bequem mit dem Bus (308) wieder in die Innenstadt gefahren werden. 
  • Ein total gutes Buch, um rund um's Jahr Aktivitäten mit Kindern in London zu finden ist übrigens Little London: Child-friendly Days Out and Fun Things To Do. Unsere GastgeberInnen haben es sich gekauft und ich konnte einige Blicke hineinwerfen. 
Museum of Childhood London, National History Museum Tring, oldest freehouse, matchmakers wharf, bekonscot model village
Ergebnis unseres Kurzbesuchs in Londoner Randbezirken

Wenn Weltreisende plötzlich Eltern sind...

Euch ist vielleicht aufgefallen, dass wir kein bisschen Sight Seeing gemacht haben? Und auch, dass wir ständig drinnen waren. Grund: Keine Zeit und sowas von Wind plus Regen. Außerdem waren wir eigentlich in London um Bekannte zu besuchen. Weltreise - Bekannte.

 

Vor 5 Jahren bin ich nämlich mit dem Rucksack quer um die Welt gereist. Dabei hatte ich in der Wüste Chiles ein Pärchen kennengelernt, das gerade ein halbes Jahr durch Südamerika tingelte, um ihre Beziehung zu testen. Er aus England, sie aus Australien waren sich einige Jahre zuvor auf dem Flughafen Malmoe in Schweden begegnet. Wenn die Reise gut verlaufe, wollte die Australierin definitiv nach London ziehen. 
Später auf Costa Rica, im Zuge eines Voluntärprogramms bei einer Turtle Hatchery (hier bewacht und beschützt mensch Meeresschildkröten beim Eier  Legen und schaut drauf, dass die Eier dann auch unversehrt ausgbrütet werden), lernte ich eine Südafrikanerin kennen, die seit vielen Jahren in London lebte und sich in wenigen Wochen mit ihrem Partner treffen wollte, um ebenfalls ein halbes Jahr durch die Welt zu reisen - vorzugsweise dort, wo es noch jede Menge Wildlife zu sehen gab/gibt. 

 

Vor 4 Jahren war ich bereits schon mal in London, um die drei zu besuchen. Das Pärchen lebte damals in einer WG mit zwei anderen, das Wildlife-Pärchen wohnte fernab vom Zentrum in eine Mini-Wohnung Nähe Richmond.

 

Mittlerweile haben wir alle Kinder. Außer uns sind die anderen beiden auch verheiratet. Das Wildlife Pärchen lebt noch weiter weg von London in einem "grown-up house" wie sie es nennen und befinden sich grade im Post-zweites-Baby-Stress mit 3-Monats-Koliken und Co. Die anderen beiden leben in East London in einer viel zimmrigen Wohnung mit Mini-Zimmern und einem Promotion-Baby (5 Monate alt), das Tag und Nacht schläft und dazwischen nur freudig gluckst und grinst.


(Sidenote: In England berechnet sich der Preis nicht nach m² gerechnet, sondern nach der Anzahl der Zimmer. Spannend.) 

5 Jahre später ist nicht mehr viel zu sehen von unserer Backpacker-Vergangenheit:

Ein Wand-Tattoo in Weltkartenform hier, eine kleine Fotowand da, dazwischen vor allem Kleinkindkrempl und der Versuch ein möglichst erwachsenes oder wie-früher-Leben zu leben. Schläft das Baby dauernd, ist das eigentlich kaum ein Problem. Schreit es nur, heißt die Devise einfach Überleben und die Regen-App auf dem Handy einschalten und in den 10 verbleibenden ruhigen Minuten schnell was hinunterschlingen.

Unser kleiner Zwerg macht das beste draus und legt sich einfach zum immer schlafenden Baby heimlich ins Babyzelt um es dauernd auf die Nase zu stubsen und "Baby, Baby" zu sagen. Beim schreienden Baby nutzt er die Gelegenheit um sämtliche Spielsachen unbeobachtet auszuprobieren und unter der Coach zu verstecken.

 

Nebenbei wird 5 % der Zeit in alten Erinnerungen geschwelgt, 60% der Zeit nehmen Kinderkacke und Ähnliches als Gesprächsthemen ein und bei 35% waren Alkohol im Spiel.

 

Unser Tag orientiert sich an halbwegs regelmäßigen Schlafzeiten unseres Kindes, an der Frage, ob wohl genug Maissnips eingepackt wurden, wie viel Wind wir ertragen können und welches kinderfreundliche Terrain wir heute betreten werden. 

 

Nach drei Anläufen haben wir es übrigens ins hippe Hackney Wick geschafft ins noch hippere Crate, dessen Eingang sich in einem Hinterhof befinden, wie alles hippe in Hackney Wick. Nach einem Cider war ich sturzbesoffen. Daran konnte der 15 minütige Fußmarsch nach Hause entlang des Kanals auch nichts mehr ändern. Wegen Übermüdung auch aller anderen Eltern (kleinere Ausmalarbeiten hatten während unseres Tagesausflugs stattgefunden), musste das geplante Pup-Quiz ebenfalls ausfallen und alle Eltern gingen früh zu Bett.

Hackney Wick, Crate Brewery

Jetzt endlich zu den Füchsen und Äpfeln

Es gibt etwas, das mir stinkt. Nein, es ist nicht pink. Es ist die Tatsache, dass Tier, Obst und jeglicher Tschantsch in zwei Lager aufgeteilt wird. Und ich rede hier nicht mal von Autos und Puppen. ZB:

  • Erdbeeren
  • Himbeeren
  • Katzen
  • Hasen
  • Herzen
  • Blumen
  • Hunde
  • Löwen
  • Haie
  • Bananen
  • Gebäude
  • Urwald

Bin ich die einzige, die Tieren ein Geschlecht zu schreibt?

Als ich für J. eine neue Regenjacke für London besorgen wollte, gab es zur Auswahl bei Baby Walz: rosa, grün, blau, braun und ein Muster. Das Muster bestand aus Äpfeln. Die Äpfel hatten einen Farbton zwischen rot und dunklem Pink. Punkte waren auch drauf. Die Jacke fiel mir als erstes auf, ich fand sie am coolsten. Ich ordnete sie auch nicht automatisch Mädchen zu weil, hallo? Äpfel? Rötliche Äpfel? Müssen Bubenäpfel blau sein? Ohne Scheiß. Ich hab mal ein Krebs-T-shirt in der Mädchenabteilung gekauft, weil der Bubenkrebs ein dunkelblaues Shirt war. Ja ich weiß, dass es blaue Krabben gibt. Aber hey, kann es nicht rote Krebse für alle geben? Und warum müssen die Äpfel auf der Regenjacke einen Stich ins Pinke haben?

 

Abgesehen davon - das wurde mir erst beim ersten Anziehen bewusst: Die Regenjacke ist tailliert geschnitten. Sie hat ein Gummiband am Rücken eingenäht, sodass sie viel enger um den Bauch geht, als sie eigentlich sollte. Die grünen und blauen Regenjacken hatten das definitiv nicht. Da mein Zwerg generell gern sein kleines Wamperl rausstreckt, spannt die Jacke nun, obwohl sie eigentlich eine Nummer größer ist. Wozu brauchen unter 2-jährige Mädchen bitte tailliert geschnittene Regenjacken? WTF?

 

Ich trage gerne bunt. Mein Kind zieh ich auch so an. Ich sehe nicht ein, dass er jeden Tag wie ein Erdferkel gekleidet sein muss mit der Aufschrift "Power" auf einer zackigen knalligen Wolke, die aussieht wie mein Krachbumm-Logo. (Auch die Erdferkelmontur liegt im Kasten.) Ich sehe auch nicht ein, dass er nur blitzblau und grün daherkommt. Deshalb trägt er aktuell auch ein paar gelbe Schuhe. Und ein paar rote. Beide gebraucht. Beim roten Paar ist auf jedem Schuh ein kleines Herz zu sehen. Von der vormaligen Besitzerin wurde ich darauf hingewiesen, dass es halt eher Mädchenschuhe sind. Herz eben. Ich bin mir sicher, wärs ein Nike-Hakerl, wärs nicht zwingend ein Mädchenschuh. Außerdem trägt er eine Haube in dunkelblau, pink und weiß. Hat die Oma gestrickt. Ohne Hintergedanken. Sehr stylisch. Warum auch nicht? 

Eine Auswahl unserer rot-rosa-weinrot Kollektion aus der "Mädchenabteilung"
Eine Auswahl unserer rot-rosa-weinrot Kollektion aus der "Mädchenabteilung"

Warum gibt es getrennte Mädchen- und Bubenkleidung? 

Wieso gibt es nicht alle Motive

in allen Farben in allen Abteilungen?


Ach ja, dann müsste mensch ja nicht die doppelte Menge kaufen...

Sieht sich jemand Kinderfotos aus den 80ern an, war die Welt noch bunt. Da gab es auch alle Farben für alle, die Pinkwelle war noch fern. Heute gibt's leistbare neutrale Kleidung fast nur mehr, wenn verweigert wird, das Geschlecht des Kindes vor der Geburt zu erfahren. Für den nötigen Einkauf gibts dann eben die ersten Babybody-Größen auch in nicht-pink und nicht-dunkel. Für ältere Kinder wird's schon schwieriger.

 

So hat sich unsere Gastgeberin enorm über einen dunkelblauen Pulli mit orangen Füchsen gefreut, den sie eben vorher bekommen hatte und der mit 5 Monaten noch passt. Meist hat die Kleine eine dunkelgrüne Strickweste zum rosa Häubchen beim Rausgehen an, weil die eben genauso hübsch ist wie jede andere Strickweste in jeder anderen Farbe. Sie erzählt mir auch von einem Crowdfunding-Projekt, bei dem Kleidung für Mädchen produziert wird mit Symbolen aus Wissenschaft und Technik, die gewöhnlich nur auf Bubenkleidung zu finden sind (Züge, Raketen, Dinosaurier). 

Warum müssen Eltern extra Aufwand betreiben?

...wenn sie ihren Kindern nicht einfach pink und blau und die damit verbundenen Symbole zuordnen wollen. Symbolisch erklären wir unsere Jungs bereits im Kleinkindalter zu harten und Mädchen zu zarten Wesen. Das hat generell auch Auswirkungen auf das Selbstbild und auch, wie wir ihr Verhalten wahrnehmen. Des Rätsels Lösung ist jetzt nicht generell neutrale Kleidung, sondern vor allem das Hinterfragen der Bilder, die wir im Kopf haben zu dem, was zu Mädchen und Jungs passt. Kinder sind individuell und haben eigene Vorlieben. Und die werden nicht notwendigerweise von Kinderkleidung gespiegelt.

 

Unser Sohn ist 22 Monate alt. Er interessiert sich für Tiere und Babys, zeichnet gern, singt und tanzt ständig, er dreht an allem, was drehbar ist, kuschelt total gern, ist immer in der Sandkiste zu finden, während er sich Sand drüberschüttet, liebt es mit Wasser zu spielen und irgendwo bergauf und bergab zu rennen. Außerdem schiebt er gerne jede Art von Wagen (Einkaufswagen, Kehrmaschine, Puppenwagen, Lauflernwagen) und er hat ein Gabe dafür Dinge zu zerlegen (nicht kaputt machen, zerlegen). Seine absolute Leidenschaft ist allerdings Licht (Taschenlampen, Deckenlampen, Sonnenlicht, buntes Glas, Sonnenuntergang, Lichteffekte, Feuerwerke, aktive Kippschalter, Standby-Leuchten,...)
Ich könnte jetzt nicht sagen, was ihn speziell für blau, grün, braun sowie Löwen, Autos oder Züge qualifiziert. 

Vor ein paar Jahren noch fühlten wir uns wie die KönigInnen der Welt. Sie stand uns offen. Geschlecht war absolut nebensächlich. Egal ob allein oder zu zweit unterwegs. Wir übernachteten in gemischten Schlafräumen, unternahmen gemeinsam Abenteuerliches und Außergewöhnliches.

 

Und jetzt sollen wir die Welt für unsere Kinder in

Bubentiere und Mädchenobst teilen?

PS: Eingenähte Sixpacks in Spiderman-Kostümen für 2-jährige finde ich total unpassend. Kommen dann auch bald eingenähte Brüste in Walt Disneys-Prinzessinnenkleider?


Welche Motive beschäftigen euch?


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Das interessiert mich besonders:

Noch mehr rosa-hellblaue Geschichten...

#wasanderswäre ©collage von Katja Grach
klischeefreie Kinderbücher